Allgemein ist der Universale Sufismus relativ unbekannt. Ich möchte ihn daher hier einmal vorstellen, indem ich aus der Eigendarstellung des Internationalen Sufiordens zitiere:

„Der Sufismus beruht auf den unmittelbaren Gotteserfahrungen der Mystiker. Man kann ihn als eine Art religiöse Philosophie bezeichen, die sich aber nicht nur an den Verstand, sondern auch an das Herz wendet; vor allem ist er ein individueller Übungsweg zu geistigem Wachstum und innerer Freiheit. Sein Wesenskern ist die Vorstellung von der Einheit alles Seienden, d. h. von einem einzigen sowohl transzendenten wie immanenten Göttlichen, das sich in allem, was es in der Welt gibt, manifestiert und sich gleichzeitig dahinter verbirgt. Der Sufismus bildete sich schon im Altertum heraus, es gab u. a. Einflüsse der griechischen Philosophie und vorislamischer Religionen. Im Mittelalter haben sich die orientalischen Mystiker, die man Sufis oder Derwische nannte, insbes. am Koran, an der Lehre Mohammeds, orientiert, standen aber oft im Gegensatz zur herrschenden islamischen Orthodoxie, und einige mußten dafür sogar ihr Leben hingeben. Während sich im 19. Jh. der Begriff Sufismus auf die islamische Mystik beschränkte, lehrte seit 1910 der bedeutende indische Musiker und Sufi Hazrat Inayat Khan in Europa und Amerika einen nicht mehr speziell islamischen, sondern überkonfessionellen, interreligiösen Sufismus, den sein Sohn und Nachfolger, der Philosoph, Psychologe und Musiker Pir Vilayat Inayat Khan (1916 – 2004), kreativ weiterentwickelt hat. Seit dem Sommer 2004 leitet Pir Zia Inayat Khan den Internationalen Sufi-Orden. Das Folgende bezieht sich vor allem auf diesen sogenannten universalen Sufismus.

Der universale Sufismus betont den gemeinsamen Ursprung und die einheitliche Essenz der Religionen, womit die Achtung aller ihrer Meister, Heiligen und Propheten und ihrer heiligen Schriften verbunden ist. Ganz im Sinne von Lessings Ringparabel wird nicht darüber geurteilt, welche dieser Lehren die richtigere sei, vielmehr werden die Aussagen des Hinduismus, des Judentums, des Buddha, Zarathustra, Moses, Jesus oder Mohammed alle als die von Zeit zu Zeit erneuerungsbedürftige Botschaft des einen Gottes verstanden. Deshalb ist der Sufismus mit ihnen allen verträglich, und die meisten seiner Anhänger kommen aus einer der großen Religionen, die sie nicht aufgegeben, sondern besser verstehen gelernt haben. Und deshalb ist in diesem Sufismus die Ökumene in einem sehr weiten Sinne vollkommen verwirklicht, was Fanatismus oder Fundamentalismus völlig ausschließt. Ein Mensch auf dem Sufipfad ist, wenn es um Nächstenliebe geht, ein wahrer Christ, und viele Worte Jesu Christi sind für ihn ganz wichtig. Er ist ein Brahmane insofern, als er wie dieser von der advaita – d. h. Nicht-Zweiheit -, also von Gott als dem einzigen Sein überzeugt ist. Der Sufi ist auch ein Yogi, denn auch er ist sich eines langen, stufenreichen Pfades zum geistigen Fortschritt bewußt, und in den Übungen beider gibt es Ähnlichkeiten. Er fühlt sich zum Jainismus hingezogen, weil in dieser Religion das Ahimsa-Bewußtsein, also die Gewaltlosigkeit, besonders ausgeprägt ist. Ebenso lassen sich, neben islamischen Wurzeln, auch Gemeinsamkeiten des Sufismus mit dem Judentum, dem Taoismus, dem Buddhismus und der Religion des Zarathustra aufzeigen.

Trotz des religiösen Grundzugs ist der Sufismus also keine Religion und noch weniger eine religiöse Sekte. Während jene i. allg. ein gewisses Autoritätssystem, Dogmen und verschiedene Vorschriften haben, kennt der Sufismus weder Autoritätsglauben, Dogmen noch Moralvorschriften – allerdings wird vom Gebrauch harter Drogen abgeraten, weil sich gezeigt hat, daß sie die geistige Entwicklung behindern. Er ist aber auch kein Gemenge verschiedenartiger Lehren, sondern hat ganz klare eigene Vorstellungen. Z. B. spielen die im Hinduismus so wesentlichen Begriffe von Reinkarnation und Karma im Sufismus keine Rolle, vielmehr lehrt der Sufismus, daß man sich von Belastungen aus seiner Vergangenheit weitgehend frei machen und mit jedem Tag ein neues Leben beginnen kann. Andererseits entspricht der neohinduistische Impuls des Ramakrishna, die Religiosität mit dem Alltag zu verbinden, wiederum genau den Intentionen des Sufismus. In der nun von Pir Zia Inayat Khan geleiteten Gemeinschaft haben die Bemühungen um interreligiöse Kontakte und Zusammenarbeit einen besonders hohen Stellenwert. Es gibt auch eine Beziehung zur internationalen Menschenrechtsorganisation „amnesty international“.

Der Anhänger des Sufismus sieht in jedem Geschöpf etwas Göttliches, deshalb entwickelt er ein enges und ehrfürchtiges, behutsames Verhältnis zur Natur. Dies bezieht sich in mehrfacher Hinsicht auch auf den Menschen, denn der Sufismus verkündet die göttliche Bestimmung der Menschheit, die Göttlichkeit jeder menschlichen Seele, die Einmaligkeit und den Wert jedes einzelnen Menschenlebens. Daher ist der Sufi zum einen bestrebt, seine eigenen Qualitäten, die er mit den verschiedenen Attributen des Göttlichen in Beziehung bringt, harmonisch zu entwickeln, wofür es hilfreiche Übungen gibt. Zum anderen will er in jedem Mitmenschen eine reine, unverdorbene Seele sehen, wenn sie auch durch rauhe Schalen verdeckt sein mag. Daraus folgen Offenheit und Hilfsbereitschaft, und viele Anhänger des Sufismus sind in medizinischen, pädagogischen und therapeutischen Berufen oder in der Sozialarbeit tätig.

Der Sufismus ist holistisch (ganzheitlich): Er lehrt, daß die Welt viel reichhaltiger ist und daß es in der Vielfalt der Erscheinungen viel mehr Zusammenhänge gibt, als wir es gewöhnlich wahrnehmen. Dabei ist wichtig, alles aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu lernen und die Einheit der Gegensätze zu erkennen. Es geht um die Erfahrung der Einheit, um die Erfahrung des Heiligen oder, wie es der Sufi-Mystiker Ibn Arabi in Anlehnung an den Philosophen Plotin formulierte, darum, zu erkennen, „was durchscheint durch das, was erscheint“. Wenn wir eine ganzheitliche und kosmische Denkweise erwerben, in ständiger Gegenwart Gottes leben und uns unserer göttlichen Erbschaft bewußt werden, d. h. das in uns schlummernde Potential an Qualitäten und Fähigkeiten entdecken und fördern, dann können wir die eigene Persönlichkeit wie ein Kunstwerk gestalten, uns innerlich weitgehend von unseren Lebensumständen, Begierden und Ängsten befreien, unsere individuellen Probleme relativieren lernen und auch in schweren Zeiten dankbar sein für die Schönheiten der Schöpfung. Der Sufipfad verhilft zur „Erweckung in das Leben“, vom mittelmäßigen Denken zu einem erweiterten Bewußtsein hin und somit dazu, sich selbst und das Leben besser zu verstehen und zu meistern, Verantwortung und mehr Liebesfähigkeit für andere Menschen und die Natur, d. h. auch für unseren verletzten Planeten, zu entwickeln.

Die Mittel hierfür sind u. a. das Bekanntwerden mit der in den großen Religionen überlieferten Weisheit, das Eintauchen in die innere Welt der Mystiker (auch der christlichen), verschiedene Atemübungen, Gebete, vor allem aber ein reicher Schatz an (teilweise individuell gegebenen) Meditationsformen, wozu auch der in vielfältiger Weise praktizierte dhikr gehört: das gemeinsame Gedenken des einzigen und allumfassenden Gottes. Eine wichtige Rolle spielt die geistliche Musik vieler Traditionen, vor allem die Musik Johann Sebastian Bachs. Hazrat Inayat Khan verdanken wir die Feier des universellen Gottesdienstes, in der u. a. aus den heiligen Schriften der Weltreligionen vorgelesen wird (mit Kommentaren und jeweils spezifischer Musik), wobei auch die weiblichen Aspekte des Göttlichen Berücksichtigung finden. Interessante und nicht unwesentliche Hilfen sind moderne Physik, moderne Naturphilosophie und Jungsche Psychologie, die Pir Vilayat gern zur Veranschaulichung sufischer Einsichten heranzog. Innerhalb der Sufi-Gemeinschaft bietet der Heilorden spirituelle Unterstützung beim Heilungsprozeß an, weiter gibt es eine Gebetsgemeinschaft und einen vertiefenden Zweig mit naturbezogenen Ritualen und Symbolik aus Natur und Landwirtschaft (Ziraat); einen Platz haben auch die Tänze des universellen Friedens: es sind spirituelle Gemeinschaftstänze mit Wort- und Liedgut aus vielen religiösen Traditionen. Seit langem werden auch mehrere humanitäre Hilfsprojekte unterhalten.

(…)

Einige der vielen Facetten des Sufismus traten bei manchen bedeutenden Sufis in besonderem Maße in Erscheinung, was folgende kleine Auswahl andeuten möge: Die Sufi-Heilige Rabia (gest. 801 n. Chr.) trat entschlossen der Scheinfrömmigkeit entgegen, al-Harith al-Muhasibi (gest. 857) lehrte die ständige Gewissensprüfung, Dhu’n-Nun (gest. 859) besang das Göttliche in der Natur und erkannte im Leid eine Möglichkeit zur seelischen Entwicklung, al-Hallaj (hingerichtet 922 wegen seiner spirituellen Überzeugung) richtete seine Religiosität ganz auf persönliche Gotteserfahrung aus, Hujwiri (gest. um 1071) betonte die Bedeutung des eigenen Entschlusses anstelle der Prägung eines Menschen durch die Vergangenheit. Abu Hamid al-Ghazzali (gest. 1111) ermunterte den Menschen zu einer durch Gottes- und Nächstenliebe geheiligten Lebensweise, dessen Bruder Ahmad Ghazzali (gest. 1126) sprach von Gott und Mensch, die wie Spiegel füreinander sind. Sanai (gest. ca. 1131) ermahnte die Menschheit, aufzuwachen und die Lebenszeit zu nutzen, bei Fariduddin Attar (gest. um 1220) begegnet uns die Erkenntnis dessen, daß wir das, wonach sich unsere Seele sehnt, im Grunde in uns selbst tragen. Ibn ‚Arabi (gest. 1240) lehrte die Möglichkeit der Erkenntnis Gottes, indem wir aus seinen Zeichen im Vergänglichen das erkennen, „was durchscheint durch das, was erscheint“. Mu’inuddin Chishti (gest. 1236) verlangte von seinen Schülern „Großmut wie der Ozean, Milde wie die Sonne und Bescheidenheit wie die Erde“; er gründete in Indien einen wegen seiner Toleranz und Musikpflege von Hindus und Moslems gleichermaßen hochgeschätzten Orden. Eine andere, besonders durch den Derwischtanz bekannte Bruderschaft geht auf den persischen Sufi-Dichter Jelaluddin Rumi (gest. 1273) zurück, der – lange vor Darwin – in der Evolution eine grundlegende Eigenschaft des Universums erkannte. Das letztere und etwa die Archetypenlehre von C. G. Jung sind Beispiele dafür, daß sich moderne wissenschaftliche Erkenntnisse bereits im Sufismus finden lassen. Hazrat Inayat Khan und Pir Vilayat haben ihm neue Form und Kraft verliehen, wodurch der moderne Sufismus als „befreite Spiritualität“ eine einzigartige religionsverbindende Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit geworden ist, die sich an alle Menschen richtet.“

Quelle: Dr. K.-P. Jabir Dostal, Der Universale Sufismus, Traditionsreiche Weisheitslehre und individueller Entwicklungsweg

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