Die großen mystischen Erfahrungen

Es sind die großen mystischen Erfahrungen, die zumeist im Mittelpunkt der Rede über Mystik stehen oder als Ziel des meditativen bzw. kontemplativen Weges gelten. Bereits an anderer Stelle war in diesem Blog die Rede davon, dass ich hierzu eine andere Sichtweise vertrete, dass diese großen Erfahrungen des Eins-Sein-mit-Allem, der unio mystica usw. erst ein Anfang sind. Um zu verstehen, worauf ich im Folgenden hinausmöchte, muss man sich zunächst noch einmal bewusst machen, dass die großen mystischen Erfahrungen nichts damit zu tun haben, sich etwas vorzustellen, zu erdenken, zu erfühlen oder zu spüren, sondern dass sie ein Erleben sind (vgl. hierzu den Artikel „Entgrenzung“ und die Schilderung von Jill Bolte Taylor). Wer solche Erlebnisse hatte (oder wiederholt hat), wird nicht selten verändert, vielleicht sogar ein neuer Mensch. Zweifellos: In den großen mystischen Erfahrungen liegt ein starker Impuls.

Worum geht es in der Mystik?

Doch worum geht es in der Mystik? Geht es nur darum, im stillen Kämmerlein tolle Erfahrungen zu machen? Geht es darum, „erleuchtet“ zu werden? Gar von anderen als ein „Erleuchteter“ erkannt oder angesehen zu werden? Nun, es soll legitim sein, die Antwort darauf als Ansichtssache gelten zu lassen. Soviel Freiheit dürfen wir uns zutrauen, uns von jedem „muss“ in Fragen der Mystik zu lösen. Für mich aber ist es unausweichlich, dass die Erfahrung Gottes (oder „Gottes“) überwältigend danach drängt, das gesamte Leben zu durchwirken. Ob meinem kleinen, beschränkten, dummen Ich es am Ende auch gelingt, diese umfassende Durchwirkung zuzulassen, ist dabei eine andere Frage; aber diese Frage zeigt auch, dass die große mystische Erfahrung erst etwas in Gang setzt, nicht das Ende, sondern der Beginn eines Weges ist (oder sein kann).

Die Bedeutung der Mystik für die eigene Person

Die „Erkenntnisse“ der großen mystischen Erfahrungen sagen in gewissem Sinne etwas darüber aus, wer oder was ich im Ganzen bin. So paradox es klingen mag: Sie sind auf der einen Seite zutiefst identitätsstiftend, und auf der anderen Seite ich-lösend. Es geht also „irgendwie“ nicht um mich, und dennoch „irgendwie“ auch um mich. Es dürfte in der Bewusstseinsschulung von einiger Bedeutung sein, weder das eine noch das andere überzubetonen, noch es zu vernachlässigen, um nicht entweder zu einem „Erleuchtungsegozentriker“ zu werden, oder aber in totaler Selbstvernachlässigung das Leid der ganzen Welt auf den Schultern zu tragen. Dieses genannte Paradoxon löst sich allerdings nicht durch einen Balanceakt zwischen Egoismus und Altruismus, sondern durch einen Bewusstseinsvorgang der sukzessiven Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze.

Die „kleine Mystik“

Mehrfach war bis hier nun von den „großen mystischen Erfahrungen“ die Rede. Diese Begriffswahl macht natürlich nur in einer Relation Sinn, wenn es also auch eine „kleine Mystik“ gibt. Den Begriff der „kleinen Mystik“ gebrauche ich für die Vielzahl – oft verwirrender – mystischer Erfahrungen, besser: Wahrnehmungen, die dem Mystiker zumeist im „Alltag“ begegnen, wenn er sich nicht nach seiner großen mystischen Erfahrung für „statisch erleuchtet“ hält, sondern auf den eingangs genannten Weg gemacht hat. Der Begriff der „kleinen Mystik“ meint dabei nicht, dass diese Erfahrungen geringere wären; vielmehr sind sie solche subtiler Art.

Eine subtile Differenz

Wo ist der Unterschied, ob jemand eine Blume nur einfach wunderschön findet, vielleicht (dadurch) eine Verbundenheit mit ihr und Ehrfurcht spürt, oder ob jemand Gott in der Blume und die Blume in Gott erkennt?

Nun, ein Nicht-Mystiker, vielleicht ein Atheist, wird sagen: Es gibt keinen Unterschied. Der Mystiker spricht lediglich im Rahmen seines Glaubenskontextes von seiner Bewunderung für die Blume. Er verwendet pathetische Begriffe, die ein anderer nicht verwendet.

Manche Mystiker hingegen werden sagen: Nur in den großen mystischen Erfahrungen lässt sich Gott in der Blume und die Blume in Gott erkennen. Alles andere ist eine unzulässige Aufweichung des Begriffes der Mystik. Die Bewunderung für die Blume hat nichts mit Mystik zu tun.

Ich aber sage: Es gibt einen Unterschied, und es gibt keinen Unterschied. Entscheidend, unterscheidend ist die Einbettung in das durch die „großen“ mystischen Erfahrungen initiierte Bewusstsein ein und derselben (!)  Bewunderung für die Blume. Es ist die Wahrnehmung des Mystikers, die subtile Wahrnehmung, die aufzubrechen beginnt auf dem Weg der sukzessiven Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze.

Gott in Allem

Was folgt nun aber daraus?

Mystiker, die klar trennen zwischen dem Alltagserleben und den mystischen Erfahrungen in der Versenkung in die Stille, sind darauf angewiesen, dass ihr Verstand die Arbeit der Durchwirkung mystischer Erfahrung in der Gesamtheit des Lebens übernimmt. Sie wissen, dass „alles eins“ ist, aus der Erinnerung an die mystische Einheitserfahrung heraus, und koppeln ihr Denken und Handeln an dieses Wissen an. Sie erdenken dann ihr Einssein mit der Blume, erleben es jedoch nicht im Moment der Bewunderung ihrer Schönheit, so dass sie erkennen (müssen), dass die Bewunderung nichts unmittelbar mit Mystik zu tun hat.

Lässt der Mystiker aber davon ab, dass Gott ihn berührt, und lässt er die ständige Berührung Gottes in allem“ zu, beraubt er sich also durch das bewusste Gehen dieses Weges jeglichen Exklusivitätsanspruches, indem er sein Bewusstsein schult auf die Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze, dann beginnt sich seine Wahrnehmung auf seltsame Art zu verwandeln. Plötzlich sieht er, wie des Atheisten Bewunderung für die Blume die Nähe Gottes ist. Und er nimmt wahr, wie überdeutlich Gott aufleuchtet in Menschen, die einen Walzer tanzen. Nein, er denkt und spürt dies nicht, er schaut es. Und plötzlich wird ihm klar: Wenn ein Mensch ganz innig ein Lied singt, dann ist das zutiefst ein Akt der Mystik, eine Vereinigung des Menschen mit Gott; selbst dann, wenn dieser Mensch allen Gottesglauben weit von sich weisen würde.

Das Ende „echter“ Mystik?

Auf den ersten Blick scheint diese Äußerung gefährlich, und tatsächlich in eine Aufweichung des Begriffes der Mystik zu münden. Alles mögliche ließe sich schließlich als mystischer Vorgang bezeichnen. Diese Sorge habe ich längst verloren. Wie wir etwas bezeichnen, ist mystischer Wahrnehmung völlig egal, wenn sie das eigene Selbst in das als Eines erkannte Ganze einzubetten begonnen hat, und sich löst von den Abgrenzungen. Begrifflichkeiten dienen ihr bestenfalls noch als Brücken zu unserem Verstand, als Krücken zur Kommunikation. Wichtig ist exakte Rede vermutlich als Hinführung zur Mystik, dann aber nicht mehr.

Ob die „kleine Mystik“ also als „echte“ Mystik gelten darf oder nicht, hängt davon ab, welche Wahrnehmung wir auf unserem Weg erlangt haben, ob wir wir die Geschehnisse der „kleinen Mystik“ als solche uns vorstellen (oder nicht), denken (oder nicht), erfühlen und spüren (oder nicht), oder ob wir sie als „Geschehen Gottes“ erleben.  Wenn wir dann aber es so erleben, dann wird es gleichgültig, ob jemand eine Blume nur bewundert, oder sagt, er würde Gott in der Blume erkennen. Beides ist dann Mystik, weil der so Wahrnehmende als ein in das als Eines erkannte Ganze eingebettetes Selbst schaut.

Nur eine mögliche Sicht

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um Wertungen, nicht darum, was falsch oder richtig ist, nicht darum, was besser oder schlechter sei, nicht darum, wer „weiter“ sei und wer nicht. Diese Zeilen spiegeln eine mögliche Sicht, welche sich im Beschreiten eines Weges entwickelt hat. Ob es mir überhaupt hier gelingt, auszudrücken, was ich sagen möchte, erscheint mir fraglich. Sehr lange schon trage ich diese Gedanken mit mir, ohne dass ich mich an eine Formulierung getraut hätte. Dazu fehlt mir letztlich eine ausreichende Befähigung; doch schließlich ist mir das zu wichtig, um nicht darüber zu sprechen.

Auch ob die „großen“ mystischen Erfahrungen nun stets erforderlicher Ausgangspunkt dieses Weges sind, oder ob die „kleine Mystik“ auch umgekehrt zu den „großen“ mystischen Erfahrungen hinführen kann, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir jedoch ganz wichtig festzustellen, dass die „kleine Mystik“ – auch im Erfühlen und Erspüren ! –  eine ganz große Bedeutung in gelebter Spiritualität hat. Die „kleine Mystik“ ist mir persönlich mittlerweile sogar wichtiger geworden als die „großen“ mystischen Erfahrungen. Denn diese letztgenannten finden in der „kleinen Mystik“ erst ihre eigentliche Verwirklichung im alltäglichen Leben – Gott in Allem und Alles in Gott. Es ist die „kleine Mystik“, die am Ende den Weg in das Durchwirken der Erfahrung Gottes in allem Alltag eröffnet – ein Weg, der wohl nie endet, einfach weil ich nicht vollkommen bin, sondern schwach und fehlerhaft.

Aber wenn ein Atheist die Schönheit einer Blume bewundert, dann leuchtet Gott auf. Wenn ein Mensch weint, weil er einem Tier nicht helfen konnte, dann sehe ich Gott wirken. Wenn ein Mensch innig singt, dann sehe ich seine Vereinigung mit Gott. Immer wenn wir unsere Herzen öffnen, dann wird er sichtbar. Ob wir das nun so nennen oder nicht: Ich sehe es.

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