Mein lieber Freund,

heute ist Sonntag. Ein Sonntag im November. Den Morgenspaziergang, bei dem du mich früher immer begleitet hast, habe ich über den Friedhof gemacht. Die Feuchtigkeit des Nachtfrostes stieg in der sanften Wärme der noch tief stehenden Morgensonne über den Gräbern als kleine Wölkchen auf. So, als wollten die Seelen aus den unterkühlten Gräbern in den blauen Himmel diffundieren. Das ist ein schweres Wort. Habe ich erstmal nachgucken müssen, wie man das schreibt.

Drei Jahre bist du nun schon tot. Noch immer vermisse ich dich wahnsinnig. Manchmal weine ich sogar etwas. Dein Grab ist nicht auf dem Friedhof. Das hätten die auch nicht zugelassen. Was aber gut ist, weil du mir so näher bist. Du liegst an deinem Lieblingsplatz, mitten zwischen den Blumen in meinem Garten. Oft stehe ich dort an deinem Kreuz mit der weißen Rose davor, und denke:

Wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du dieser Grund.

Ich weiß noch, du mochtest nie gerne schwimmen. Aber wenn ich ins Meer hinaus geschwommen bin, dann hast du nicht gezögert, mir hinterher zu schwimmen, bis du mich erreicht hast. Dann musste ich dich immer in meine Arme nehmen und zurücktragen an das sichere Ufer. Nun bist du hinausgeschwommen, alleine, in die dunkle Ungewissheit, und ich stehe noch immer hier, auf der anderen Seite. Manchmal kommt mir das gemein vor von mir, als hätte ich dich im Stich gelassen. Dann stelle ich mir vor, wie du glücklich über grüne Wiesen tollst, da oben, mit deinem zerkauten Stöckchen im Maul, das in Wirklichkeit aber, hier unten, noch immer über deinem Körbchen hängt. Nein, wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht wirklich daran glauben. Und wieder denke ich:

Wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du dieser Grund.

Einmal habe ich Gott gefragt: „Du, Gott, sag mal, hast du auch einen Himmel gemacht, so mit grünen Wiesen und so?“ Aber er hat nur geantwortet:

„Werde still, und lass es den Wind sagen.“

Heute ist Sonntag. Ein Sonntag im November. Ein windstiller Sonntag im November.

Eine Taube sitzt auf einem weißen Birkenast und wärmt sich in der herbstlichen Vormittagssonne. Rowdy liegt im Vorgarten, ein paar Häuser weiter. Weißt du noch, wie er dir mal ein Loch ins Ohr gebissen hat? Er ist alt geworden, ganz grau im Gesicht. Sicher wird er bald zu dir kommen. Versprich mit bitte eines: Markier‘ dann nicht dein Revier. Das würde ihn sicher wütend machen. Und Gott auch. Oder hast du schon mal gehört, dass Putzlappen auch in den Himmel kommen? Naja, für dich würde ich sogar mit meinen nagelneuen, schneeweißen Engelsflügeln die Wolken wieder blitzblank polieren, wenn es dann soweit ist, dass auch meine Seele diffundiert. Falls es denn einen Himmel gibt.

Aber wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du es.

Bis bald.
Dein Freund.

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