Den größten Teil meiner Bücher hatte ich bereits vor einigen Jahren in Kartons verpackt und auf den Dachboden gebracht. Der Platz in meinem Zimmer reichte damals einfach nicht mehr aus. Gestern machte ich mich endlich daran, auch noch die übrigen Bücher nach oben zu bringen. Nur wenige, vielleicht fünfzig, behielt ich im Wohnbereich – Bücher, die ich dann doch öfters mal in die Hand nehme.

Ich kam nicht umhin, mich zwischendurch auf den Fußboden zu setzen und in dem einen oder anderen Buch zu blättern. Dabei fand ich auch einen Essay, der auf losen Blättern zwischen den Büchern steckte. Mein Name stand darunter. Offenbar hatte ich ihn vor vielen Jahren geschrieben, als ich noch praktizierender Katholik war. Er trug die Überschrift „Das Kreuz als Negativ des schlechten Gewissens“. An kaum ein Wort konnte ich mich erinnern. Wer war das, der das geschrieben hatte? Wer war ich?

Überraschend und überdeutlich wurde mir etwas klar…

Wieviele Bücher waren das, die ich da gelesen hatte? Eintausend, zweitausend? Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, vor allem aber und weit überwiegend Sachbücher: Naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche, Kosmologie, Astronomie und Geologie, Quantenphysik, Biologie und Ethologie, Kunst und Musik, Philosophie, Religion und Theologie, Soziologie und Politik, … Bücher, die die Welt erklären, den Menschen, das Leben. Verschlungen habe ich sie. Ich habe Erkenntnis gesucht, und Wissen angehäuft.

Was hat es mir gebracht?

Nichts.

Jedenfalls nicht viel, und nichts Wesentliches. Sicher, es hat Spaß gemacht, das Lesen. Einen Großteil dieses Wissens werde ich heute wohl vergessen haben. Aber so oder so: All dieses Wissen hatte mich nicht davor bewahrt, selbst leben zu müssen, Schläge hinzunehmen, Traumata zu kassieren, Jahre meines Lebens am Boden kriechend verbringen zu müssen. Und all dieses Wissen hat mir nicht dabei geholfen, wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Es hat nicht die Tiefen meines Lebens bestimmt, und nicht die Höhen meines Lebens. Es hat mich nicht zu dem gemacht, was ich heute bin. Das nämlich war etwas ganz anderes.

Schon als Jugendlicher war ich an Theologie interessiert. Aber als ich 19 Jahre alt war, erhielt ich den ersten großen Schlag in meinem Leben, und gleichzeitig begann meine Spiritualität aufzubrechen. Nun saß ich da auf dem Fußboden, und mir ging durch den Kopf, was sich in den Jahren danach alles ereignet hatte. Es war diese Spiritualität, die mich das alles hat durchstehen lassen, die mich geformt hat. Und auch das ist ein Grund, dass sie heute für mich alles andere ist als bloße Deko des Lebens. Ich blätterte in den Büchern, die mir damals so wichtig waren. Es las sich alles so schlau, was ich da aufschlug. Doch der eine schrieb dies, der andere jenes. Der eine lobte Gott, der andere widerlegte ihn. Der eine fasste die existenzielle Wahrheit der Mystik in Worte, der andere entlarvte sie als lediglich neuronales Programm.

„Was soll das?“ fragte ich mich. Ich verstand es nicht mehr.

Natürlich, auch die Bücher haben dazu beigetragen, dass ich heute keinem „Kindergartenglauben“ mehr anhänge, wie der Theologe Hans Küng das nennt, dass ich „aufgeklärt“ und kritisch an die Fragen der Religionen und der Spiritualität herangehe. Aber: Wäre ich heute wirklich ein anderer, wenn es ein „Kindergartenglaube“ gewesen wäre, der mich durch all dies hindurchgetragen hätte? Daran zweifelte ich, so zwischen den verstaubten Büchern auf den Holzdielen sitzend. Auch in einen naiven Glauben hätte ich meine Spiritualität einbetten können, hätte genausoviel falsch, genausoviel richtig gemacht, hätte infragegestellt, wäre meinem Instinkt für gut und böse gefolgt. Und glaubte ich in „aufgeklärtester Weise“, dass Spiritualität nichts weiter als ein evolutionäres Überlebensprogramm ist, um die Krisen und Schläge des Lebens zu meistern, wäre ich dann besser durchgekommen? Wäre ich dann heute glücklicher? Nein, denke ich, nur mein Glaube wäre ein anderer; ein Glaube an das Wissen, das doch für das Leben selbst letztlich genauso ohnmächtig ist wie das Nichtwissen. Ein wesentlicher Teil meines Wesens aber wäre abgeschnitten. Das „Licht“, das in der Spiritualität aufscheint, und im Glauben nur seine Fassung erhält, ist eben wie ein Magnet. Es kommt nicht darauf an, ob ich eine polierte Büchse, oder ein rostiger Nagel bin.

Glaube, ob nun religiös, areligiös oder antireligiös, ist nur wenig eine Sache des Rechthabens.

Immer habe ich mich und meinen Glauben kritisch hinterfragt. Ich bin dessen müde. Immer hatte ich in die Menschen ungewöhnlich großes Vertrauen. Das Leben hat es mir längst genommen. Ich will wenigstens und endlich meinem Glauben ganz vertrauen. Keine noch so schlaue wissenschaftliche Philosophie kann Gott in mir töten. Und keine noch so schlaue Theologie kann Gott in mir hervorbringen. Das kann nur das Leben, so wie es durch mich lebt.

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