„… Aber das war die Theologie, die ich lernen mußte. Ich hab‘ sie mir gemerkt, wie ein Höhlenmaler der Eiszeit seine Feinde malt, um sie im Fackelschein seiner Träume an den Wänden zu meditieren. Einer der Gründe, Priester zu werden, war auch, daß ich eine bestimmte Art von Barbarei nicht mehr wollte.“

Als Eugen Drewermann den 25. Jahrestag seiner Priesterweihe beging, durfte er das Priesteramt noch ausüben. An diesem damaligen Sonntag hielt er vor seiner Gemeinde in der Messe eine Predigt, die es in sich hatte.

„Dieser Bruch zwischen einer fertigen Wahrheit, die nur leider nicht barmherzig ist, und einer Barmherzigkeit, die nur leider nicht wahr wird, darf nicht länger bestehen.“

(…)

Ich habe so oft Menschen begleitet über die Grenzen der Gesetze hinaus; ohne daß ich’s wollte, gewannen sie die Kraft, heilige Paragraphen zu zerfetzen, um endlich zu leben, und ich bin mir ganz sicher, aus solchen Biographien erfährt man den Stammbaum des Messias deutlicher als in jedem Theologenkommentar.“

In das Zentrum seiner damaligen Predigt stellte Drewermann drei Dinge, die er „gründlich hasst“.

Das erste ist der Umgang mit den Tieren.

„Was sind wir für gottverdammte Erwachsene, die wir die Kinder lehren, die Tiere zu lieben; dann aber setzen wir sie in den Zug, lassen sie durch Norddeutschland fahren und aus dem Fenster schauen unter dem großen Noldeschen Himmel – bis zum Horizont Kühe über Kühe, und es soll nichts weiter sein als das Material für die Schlachtviehproduktion? Ich will das nicht mehr dulden und bin die Doppelbödigkeit leid, zu predigen von der Verantwortung für die Welt, während in jeder Stunde ein weiteres Stück der tropischen Regenwälder in der Größe des Stadtgebietes von Köln verschwindet.

(…)

Es ist mir klar, daß allein im Mitleid mit den Tieren ein Aufruhr liegt, eine Rebellion bis zur Grenze des Widerspruchs gegen die gesamte Schöpfung. Sie ist voll von Leid und Schmerz. Vermutlich gibt es gerade in der Entwicklung schon irgendwelche Rekursionsgleichungen, die uns zeigen, wie die Freßpyramide am sinnvollsten im Getriebe der Evolution zustande kommt und warum das alles so sein muß.

(…)

Sollten wir nicht irgendwann neue Menschen werden dürfen und den alten Adam abschütteln? Das Jagen von Tieren, als Macho-Prämie vermarktet, die Quälerei von Tieren als Forschungsbedingung, die Ausbeutung von Tieren in ganzen Zweigen der Industrie im Kampf um die Preise – ich möchte nicht, daß wir Brot brechen und dabei an den getöteten Leib Christi denken, ohne in alle Zukunft der aufgebrochenen Leiber der Tiere zu gedenken. Sie mögen tun, was sie wollen, sie sind unschuldig.“

Das zweite ist der Krieg, „die Jagd, die Menschen auf Menschen machen“.

„Ich will nicht begreifen, werde es nicht begreifen, werde mich weigern zu begreifen, wieso wir gelernt haben, daß das Töten von Menschen Recht durchsetzt.

(…)

Einen Scheißdreck macht man mit der Macht! Krieg macht man gegen Menschen und niemals im Namen von Menschen, außer man hat sie dazu wie Opiumsüchtige verführt, daß sie am Ende noch die Claqueure der grausamsten Mörder werden und wie in irgendeiner dämlichen Primatenhorde denen mit den schlimmsten Zähnen und dem dicksten Fell Beifall zollen. Neue Menschen werden wir so nicht, und das Training der Rückkehr in die Steinzeit ist nicht das Programm des Mannes von Nazaret. Er hat wörtlich gemeint: „Wer euch auf die eine Wange schlägt, dem haltet noch die andere hin.“ Keine Philosophie der NATO vom Erstschlag oder vom Zweitschlag ist damit vereinbar. Und ich bin selber wehrlos, sagt Jesus in Matthäus 11. Keinerlei Verantwortung der Rüstung ist damit kompatibel.

Sie mögen sagen: „Aber es gibt Werte, die muß man schützen.“ Nein! Der höchste Wert für einen Christen ist Christus selber. 26. Kapitel des Matthäus: Da war einer unter seinen Anhängern, der zog das Schwert blank und hieb drauf. Und wie sagte ihm Jesus? Steck das Schwert dahin, wohin es gehört. Gemeint hat er, daß man ihn so nicht verteidigt, ja, daß man nichts am Menschen so schützt. Vielleicht ist es manchmal besser, zu sterben als zu töten, unterzugehen als zu siegen, und vielleicht ist der Weg der Erlösung genau umgekehrt, als wir uns weismachen.“

Das dritte in seiner Predigt, das dritte, was Drewermann hasst, ist „das Geld und das Gold.“

„Aber Gott wohnt nicht im Gold. Darum verspreche ich heute eines: Als ich vor fünfundzwanzig Jahren meine Primiz hatte, schenkten meine Eltern mir diesen Kelch. Ich werde ihn spätestens in der kommenden Woche verkaufen, weil ich mir sage: Es war ein Fehler; ich hab‘ damals getan, was üblich war. Das Gold verrät unsern Herrn, davon bin ich überzeugt. Das einzige Gold, das ich leiden mag, ist der Widerschein der Sonne in den Augen des Glücks der Liebe, vielleicht noch auf den Händen, den Armen und dem Hals einer Frau, aber damit mag es auch gut sein. Wir können nicht Gott dienen und dem Mammon, und ich denke, das muß die Kirche selber lernen. Seit mehr als siebenhundert Jahren ist sie dabei, dies nicht lernen zu wollen, und auch damit muß Schluß sein. Wir können nicht den heiligen Franziskus ehren und dann alles anders machen, als er wollte.“

Dann erzählt Drewermann eine kurze Legende über Franziskus und schließt an:

„Das ist eine Legende, ich weiß, aber wenn wir nicht anfangen, Legenden wahrzumachen, ist unser ganzes Leben eine einzige Lüge. Das ganze Christentum ist eine solche Legende, unsere Begriffe von Realität zu zerstören.“

Nachdem Drewermann diese drei Dinge seines Hasses schilderte, kam er, der Jubilar dieses damaligen Sonntages, zurück auf die Gemeinde, die dort ihm gegenüber saß.

„Die Worte, die ich spreche, und die Sätze, die ich schreibe, mögen Sie streicheln und küssen, aufwecken und anspornen, aber gleichgültig sollen sie Sie niemals lassen. Das will ich nicht mehr. (…) Dort [in den Vorträgen; Anm d.V.] rede ich so, wie ich wirklich denke, und ich erlebe, daß es die Menschen faszinieren kann. Sie kommen oft von weither, haben Tränen in den Augen beim Zuhören. Es sind vielleicht zum erstenmal nach Jahren wieder Worte über Gott oder die Liebe oder über sich selber, die sie an sich heranlassen. Immer wieder habe ich gedacht: „Diese Sprache darfst du des Sonntagsvormittags in der Gemeinde von St. Georg nicht verwenden, du bist bloß der Hilfsgeistliche, der Subsidiar, richte da keinen Schaden an“. Ich sage mir heute: Wie soll etwas, das guttut, Schaden anrichten? Oder worauf nehme ich da eigentlich Rücksicht? Ich bin als Priester kein Zirkuspferd, das sich nach irgendeinem Programm im Kreis dreht. Wahrheiten, die es gibt, muß man sagen und – das verspreche ich für ab sofort – mehr und mehr und ohne falsche Rücksicht. Mit anderen Worten: Es ist mir gleich, wie es sonntags mittags beim Mittagessen bei Ihnen am Tisch zugeht; aber was vorgeht in Ihrem Herzen, das ist mir nicht gleich. Ich kann dabei nicht dosieren, wie was ankommt, da müssen Sie tun; aber daß es in sich stimmt, mindestens so wie ich es denke und von mir her zu sehen vermag, das können Sie glauben.“

Am Schluss seiner Predigt stellt Drewermann den Mann aus Nazaret in den Mittelpunkt:

„Mir erscheint die Welt keinesfalls so wie in der vorhin verlesenen Sure des Korans [67. Sure, in der es um die Vollkommenheit der Schöpfung geht; Anm. d.V.]. Ich möchte, daß sie so ist, aber sie erscheint so nur bei einem riesigen Abstand, wenn man von so vielem abstrahiert und gar nicht genau hinsieht. Und der Entschuldigungen für Gott bin ich so müde, daß ich oft denke: Es gibt ihn gar nicht; was es gibt, sind vernünftige Gesetze, viel vernünftiger als alles, was mir je in den Kopf kommen wird, aber was hat das mit Gott zu tun? Dann aber gibt es diesen – seine Zeitgenossen sagten – Wahnsinnigen aus Nazaret, der erklärte, es komme einzig auf die Menschlichkeit an. Und Menschen sind Personen, und also ist der ganze Hintergrund, der uns trägt, eine Liebe, die wir nie verstehen. Das alles ist dünner als ein Spinngewebe, es berührt zärtlicher als die Haare einer Frau. Aber unterhalb davon, sage ich Ihnen, ist nichts als der Abgrund. Wenn diese feinen Gewebe nicht tragen, wartet das Nichts, und es gibt jenseits von Golgota kein Leben mehr. Es geht nicht darum, wie wir politisch, wirtschaftlich, naturwissenschaftlich denken – das alles sind zweite Fragen. Irgendwann gilt es, sich zu entscheiden. Es ist keine ästhetische Wahl. Die Frage ist: Was gilt im Namen des Jesus Christus? Er war, bei aller Geduld im einzelnen, bezüglich der Welt im ganzen der Ungeduldigste unter allen Menschen. (…) Immer noch denken wir, Recht durchsetzen zu müssen. Das Geheimnis des Jesus ist, wie man die Menschen lehrt, auf ihr Recht zu verzichten, denn bezogen auf Gott gibt es keine Rechte, einzig den Untergang, außer wenn Gott uns leben läßt. Und das ist alles, was den Mann aus Nazaret ausmachte und was ein Priester sein sollte.

(…)

Das einzige, was ich weiß, ist, daß die Kirche kein Recht hat, die Oase inmitten der Wüste, die Insel inmitten des Ungenießbaren zu verwüsten, die die ganz einfache Botschaft des Mitleids, der Ruhe und des Abwerfens der Bürden ist. Sie hat kein Recht, zu kommen mit neuen Gesetzen, Vorschriften, einer Machtsstruktur, einer Ämterhierarchie, einem ganzen Brimborium, das Jesus überhaupt nicht wollte, sondern das ihn in jedem Betracht verrät und die Menschen in die Irre führt, indem es scheinbare Beruhigungen spendet, wo keine sind, und umgekehrt Beunruhigungen schafft, wo ganz normale menschliche Dinge auf dem Spiel stehen. Auch damit muß Schluß sein.

Ich frage mich: Wenn Jesus heute leben würde, was wäre er dann? Ein Priester? Sicher nicht. Er hat nie Sakramente gespendet, er war das Sakrament. In seiner Nähe war Gott nahe. Wäre er ein Arzt? Er hat Kranke geheilt, aber nie eine Ausbildung besessen. Die Schule des Hippokrates war ihm fremd und hat ihn niemals interessiert. Aber er berührte die Stirn von Menschen so, daß es ihre Gedanken und Herzen ordnete. Und diese Güte, die heilt, war seine Weise, ärztlich zu sein. Oder wäre er ein Dichter geworden? Auch nicht. Er hat wunderbare Gleichnisse erzählt, die schönsten Texte der Weltliteratur, aber nicht ein Wort davon hat er aufgezeichnet. Mit anderen Worten: Jesus wäre weder ein Priester noch ein Arzt noch ein Dichter, aber nur, weil er all das in eins war, ein priesterlicher, ärztlicher, dichterischer, ein gläubiger, menschlicher Mensch, der machte, daß wir ihm Gott als unsern Vater glauben können.“

Man muss sich das einmal klarmachen: Drewermann spricht vor der versammelten Gemeinde, die schöne Worte zu seinem Priesterjubiläum erwartet. Doch statt dessen stellt er die Realität des Priesteramtes in Frage. Nach der Messe wartet auf die meisten der Sonntagsbraten, doch er möchte bei der Kommunion der aufgebrochenen Leiber der Tiere gedenken. Vielleicht war man vor der Messe noch an der Wahlurne, hat traditionell der christlichen Partei seine Stimme gegeben, doch Drewermann verweigert dem Krieg jegliche Legitimation. Zur Messe war man vielleicht mit dem schicken, großen Auto gekommen, doch er bezeichnet den Besitz seines Kelches als Fehler. Die Kirche dieser Sonntagsmesse ist geschmückt mit Heiligenstatuen, doch er fragt: „Was machen wir aus den Heiligen? Wir bauen ihnen Denkmäler und zeigen damit doch nur, daß wir die Kinder der Prophetenmörder sind, wie Jesus im 23. Kapitel des Matthäus sagt“.

Wie es mit Eugen Drewermann weiterging, ist allgemein bekannt. Ob und inwieweit man seinem langen Weg im Hinblick auf den Glauben an Gott und Seele folgt oder nicht, spielt keine Rolle, wenn es darum geht, dass dieser Mensch seinen Glauben, welcher der Glaube an Jesus von Nazaret war und ist, der Glaube an die Wahrheit von Liebe, Mitgefühl und Barmherzigkeit, unbedingt und kompromisslos ernst nahm und nimmt.

Glaube beinhaltet mehrere Komponenten; Erfahren und Erleben, Lehre und Denken gehören dazu. Man kann den Christus mystisch erfahren. Aber der Mensch Jesus von Nazaret hatte auch eine Lehre. Keine Lehre, die eine komplizierte Theologie erfordert, sondern eine, die Menschlichkeit und Güte einfordert – radikal.

Gleich, welchem Glauben wir als religiöse oder spirituelle Menschen folgen: Wir sind oft versucht – und dieser Versuchung wohl immer wieder auch erlegen -, Auslegungen zu suchen und Kompromisse einzugehen, die es uns nicht so schwer machen, mit unserem Leben auf die Wahrheiten unseres Glaubens zu antworten. Ob wir nun den „Wahnsinn des Nazareners“ verbiegen in die „Vernunft“ eines Wischiwaschichristentums, oder Buddhas „Weg der Mitte“ austrampeln in eine Autobahn der Bequemlichkeit. Die wenigsten von uns – meine Person ist da nicht ausgeschlossen – haben das Format eines Eugen Drewermann. Wenn uns das schon nicht gelingt, unsere Aufrichtigkeit nicht abhängig zu machen von den Konsequenzen, die uns erwarten, so könnten wir doch zumindest offen sein für die Kritik, die uns da entgegenschallt, könnten wir zumindest unermüdlich an der Aufdeckung und – wenn möglich – Auflösung der Dissonanzen unseres Daseins als religiöse oder spirituelle Menschen arbeiten. Sofern wir denn unseren Glauben wirklich ernst nehmen.

Alle Zitate stammen aus der Predigt „Zum 25. Jahrestag der Priesterweihe“ in Eugen Drewermann: Daß alle eins seien – Predigten zwischen Himmelfahrt und Dreifaltigkeitsfest, Patmos Verlag Düsseldorf, 1992.

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