Was lässt sich in aufgeklärter Weise über erwachtes Bewusstsein aussagen? Wie könnte man heute Spiritualität definieren? Dazu ein Gastbeitrag von tom-ate.

Der moderne (meinetwegen „postmoderne“) westliche Mensch ist in spiritueller Sicht überwiegend kein wacher Mensch, kein bewusster Mensch. Er lebt in einer Art Traumzustand (den ich im engeren Sinn hier damit charakterisiert habe, dass die Traumwelt niedrigerdimensional ist als die des Tageswachbewusstseins und dass dem Subjekt das Merkmal der Agentivität abhanden geht: Ich handle nicht mehr bedingt-autonom, nein im Traum geschieht mir etwas). Aus diesem „Traum“-zustand möchte das Hirn nicht zwingend raus, denn es ist auf Homöostase programmiert.

Spiritualität bedeutet, sich eine authentische subjektive Perspektive zu schaffen. Punkt.

Das ist wohl zu kurz, um nicht hoffnungslos mehrdeutig zu sein. Deshalb noch ein paar Worte.

Zunächst, was Spiritualität nicht ist: Sie ist weder notwendig religiös noch notwendig esoterisch. Fast jede gängige Definition bringt Spiritualität aber mit Religion und Esoterik in Verbindung. M. E. ist jedoch spirituelles Erwachen innerhalb wie außerhalb religiöser oder esoterischer Systeme möglich.

Deshalb ein eigener Definitionsversuch:

Eine spirituelle Grundhaltung lässt ein menschliches Subjekt als ein Individuum erst vollständig zur Geltung kommen. Das spirituelle Individuum vermag zumindest temporär außerhalb der Welt der „Traum“ (im oben verwendeten Sinn) erzeugenden Strukturen, welche uns eingesponnen haben, zu stehen. Es vermag sich somit temporär abzukoppeln vom ständigen Feedbackstrom der evolvierten kulturellen Einflüsse. Das nennt man dann Meditation (Es gibt verschiedene meditative Techniken; man sucht sich einfach die für einen selbst passende aus oder schafft sich aus Bausteinen bestehender meditativer Techniken und eigenen Bausteinen einen eignen Zugang zum Geist im Hier und Jetzt). In meditativen Zuständen erkennt das Subjekt, dass Wahrnehmung, Gefühle, Motive und Kognitionen, die im normalen Alltagsbewusstsein ja ständig ablaufen und sich immer auf Vergangenheit und Zukunft beziehen, nur Ereignisse sind, welche flüchtig, unbeständig und immer mit Bezug auf die „Traum“ erzeugende gesellschaftliche Umwelt automatisch im Hirn aufleuchten. Es erkennt somit, dass das eigene Hirn praktisch fortlaufend reizgesteuert arbeitet, dass es fremdbestimmt arbeitet. Fremdbestimmt heißt heutzutage überwiegend durch gesellschaftliche Zwänge bestimmt, die Zwänge der natürlichen Umwelt sind hingegen zweitrangig geworden. Das meditierende Individuum erkennt, dass es trotz dieser Mechanismen noch in der Lage ist, das Wesentliche wahrzunehmen und zu erleben:

Hier und jetzt ist ein Bewusstsein.

Das ist trivial und zugleich auch nicht. Denn diesen Zustand erfahren zu können, ist etwas ganz anderes, als darüber zu reden oder zu schreiben oder nur zu denken. Dieser Zustand kann sich als mystische Erfahrung erweisen. Ich-Entgrenzung und Einheitserleben mit allen Lebewesen oder dem Universum sind möglich, auch wenn dieses Erleben immer noch Hirnaktivität ist und somit aus der Dritten-Person-Perspektive so etwas wie eine „Selbsttäuschung“ genannt werden könnte. Doch was täuscht sich da „selbst“…?

Dieses Bewusstsein, auf sich selbst zurückgeworfen, sich selbst erkennend (nicht im Sinne eines Ichs), ist ein erwachtes Bewusstsein. In der Regel erwacht man zunächst nur kurz, für ein paar Sekunden, um sich dann wieder dem Feedbackstrom der Umweltwahrnehmungen zu ergeben. Mit meditativer Übung entstehen mit der Zeit immer mehr Bewusstseinsinseln, die in der Folge relative Freiheit, Entscheidungsfreiheit innerhalb der Gesellschaft ermöglichen. Immer häufiger hat ein derart bewusster Mensch die Freiheit, sein Verhalten aus einer Innenperspektive heraus, aus einem „geistigen“ Bereich heraus zu hinterfragen und zu gestalten. Das garantiert noch kein moralisch wertvolles Verhalten, aber ermöglicht es erst in einem gewissen Sinn. Vor dem Erwachen war die Moral höchstens eine Gebote- und Verbote-, vielleicht nur eine Zwangsmoral. Erwachen garantiert m. E. auch kein Leben nach dem Tod und keine Wiedergeburt. Vielmehr kann der spirituell Erwachte sich fragen, was denn von diesem „Geist“, der sich im Hier und Jetzt selbst beobachtet, weiterleben könnte, wenn seine materiellen Bedingungen zu einem Ende gekommen sind. Spiritualität ermöglicht, die grundsätzlichsten Fragen zu stellen. Insofern plädiere ich für eine Spiritualität, die der Realität, so weit das ein menschlicher Geist überhaupt erfassen kann, kritisch fragend aber mit Wohlwollen ins Auge sieht.

Warum so Wenige, die unserer Gesellschaft durchaus kritisch entgegenstehen, sich für den spirituellen Weg entschließen, könnte, neben der Befürchtung mit esoterischen Spinnern in einen Topf geworfen zu werden, mit der Existenzangst zusammenhängen. Die spirituellen, existentiellen Fragen erzeugen häufig in erster Annäherung lähmende Angst, die sich im „Traum“-zustand (wie oben beschrieben) durch permanente Ablenkung scheinbar vermeiden lässt – bis auf plötzlich durchbrechende Albträume… Meiner Erfahrung nach lässt sich diese Existenzangst jedoch relativieren, wenn nicht gar ganz überwinden.

Der auslösende und zugrunde liegende Artikel findet sich hier: Globalisierter Traumzustand. Vielen Dank, tom-ate, für diesen wunderbaren Beitrag!

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