Sie kennen vermutlich den Begriff des Ökologischen Fußabdrucks, vielleicht auch noch den Water Footprint. Aber kennen Sie auch den Himsa Footprint?

Dieser Begriff findet verschiedentlich im zeitgenössischen Jainismus Verwendung und meint die Summe der Gewalt und Verletzung, die der individuelle Lebensstil eines Menschen verursacht.

Dazu muss man wissen, dass das zentrale Prinzip der Ahimsa (die Gewaltlosigkeit, das Nicht-Verletzen) der Jains nicht nur Taten meint, sondern auch den Ursprung von Taten (nicht gebändigte Emotionen und Affekte, Gedanken und Worte), und auch nicht nur gegenüber Menschen gilt, sondern gegenüber allen Lebewesen, den Tieren, den Pflanzen, und auch dem Wasser, der Erde. Deswegen können Jains nicht alle Berufe ausüben, und die Mönche und Nonnen des „Großen Gelübdes“ tragen sogar einen Mundschutz, um nicht versehentlich kleine Insekten einzuatmen.

Wenn Sie das nun für übertrieben halten, sollten Sie bedenken, dass der Begriff der Übertreibung keine Positionierung auf argumentativer Ebene, sondern eine Bemessung an einer Norm(alität) bedeutet. Die Jains hingegen setzen sich insoweit  aus einer spirituell-ethischen Positionierung heraus über die Norm(alität) und den moralischen Konsens der gesellschaftlichen Masse hinweg zugunsten aller Seelen.

„Ich verzeihe allen Lebewesen, mögen alle Lebewesen mir vergeben, alle Seelen sind meine Freunde, in mir existiert keine Feindseligkeit.“

Beim Himsa Footprint geht es nicht nur um die offensichtliche Gewalt in unserem Alltag, wenn wir aus Unbeherrschtheit jemanden böse Worte an den Kopf werfen, leidensfähige Tiere essen oder eine uns lästig erscheinende Fliege erschlagen. Es geht auch um die weniger offensichtlichen Verflechtungen, die manchmal unentrinnbar scheinen. Das ist nicht nur der oft durch Kindersklaverei erwirtschaftete niedrige Preis von Schokolade oder Discounter-T-Shirts. Man denke nur mal daran, wieviel Verletzung und Tod bereits mit unserem Frühstücksbrötchen verbunden ist, wenn dessen Mehl von Getreide aus konventionellem Anbau stammt, wieviel Insekten und andere Kleinlebewesen allein durch den Pestizid- und Fungizideinsatz getötet wurden, wieviele Vögel geschädigt wurden, die diese Insekten essen, usw. Wenn man so einmal ganz genau hinschauend seinen persönlichen Himsa Footprint eines einzigen Tages ermittelt, kann einem schon Angst und Bange werden.

Wenn in der Spiritualität das Bewusstsein der Heiligkeit allen Seins erwacht, kann man leicht in eine ähnliche Position wie die der Jains geraten. Wer sich darauf einlässt (Satya), bemerkt rasch, wie sehr auch er gefangen ist in der Gewaltspirale unseres modernen Lebens. Was kann man dann tun?

Man könnte einfach so weit gehen, wie man kann.

Und dann vielleicht noch ein Stück weiter. 

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