Sprechen über Mystik (3) – Ethik in der Mystik

Schon immer nahm der Tod in den Religionen eine zentrale Stellung ein – genauer: das, was dem Tode folgt. Die damit verbundenen Glaubenssätze führten und führen in aller Regel in ein religionsspezifisches Straf- und Belohnungssystem mit entsprechenden Ge- und Verboten, und so (auch) in einen ethisch-moralischen Kodex.

Für manche Mystiker hingegen bedeutet der Tod das Ende der Seelenentität – sofern sie die Existenz einer solchen überhaupt bejahen. Vergröbert lässt sich dabei vielleicht von zwei Sichtweisen sprechen: In der einen sind alle Formen nur Manifestationen des Einen, in der anderen sind alle Formen nur Erscheinungen des Einen. Der Unterschied liegt dabei hierzulande – ohne das zu verallgemeinern nur tendenziell betrachtet – in der Bedeutungszumessung. Während die Manifestation ein Seiendes ist, haftet der Erscheinung nicht selten eher das Attribut des quasi Illusorischen an. Entsprechend wird gelegentlich heutzutage der Manifestation eine hohe bzw. höhere Bedeutung zugemessen, der Erscheinung keine bzw. nur eine geringe. Hieraus können sich unterschiedliche ethische Motivationen und Haltungen ergeben. Da in diesen Sichtweisen ein Straf- und Belohnungssystem fehlt, kann beispielsweise eine Art „immanenter“ ethischer Motivation zugrunde liegen, oder aber eine ethische Motivation kann fehlen.

Hören wir z.B., was Ken Wilber dazu sagt:

„Dabei ist es sehr wichtig zu verstehen, dass Ethik ein Behälter für die Arten von höherer Verwirklichung ist, die auftreten können. Dies ist speziell vor dem Hintergrund davon wichtig, was hier (im Westen A.d.Ü.) in den vergangenen 10, 20 oder 30 Jahren geschehen ist, wo wir einem Missverständnis erlegen sind, was „Sei hier und jetzt!“ bedeutet. Oder „Jenseits von Gut und Böse“ und „Verrückte Weisheit“ (‚crazy wisdom‘).

Denn dadurch ist der Eindruck entstanden, dass Erleuchtung jenseits von Ethik ist. Und in gewisser Weise stimmt das auch – man muss nicht ethisch handeln, aber auch nicht-ethisches Handeln ist immer noch dualistisch, und damit ist es jenseits von Nirgendwo – es ist lediglich ein fotografisches Negativ von ethischem Handeln.

Das fotografische Negativ von ethischem Handeln jedoch bedeutet, ein Arschloch zu sein – die Vorstellung also, es genüge, ein egozentrischer Trottel zu sein und zu tun und zu lassen, was man will, um absolutes bodhichitta zu erlangen… Jedoch: Das ist nur ein fotografisches Negativ von relativem bodhichitta: Unethisches Verhalten bringt dich nicht zur Erleuchtung, es führt dich in einen Albtraum – einen äußerst unglücklichen Traum. Nebenbei bemerkt, es gibt im Osten keine Tradition von ‚crazy wisdom‘! Dies wurde von drei amerikanischen Lehrern erfunden, betrunken und von Frauen besessen, um ihr Verhalten zu rationalisieren.“

Integrales Forum: Ethik – Ein intersubjektiver Yoga (2)

Es ist an dieser Stelle keine intellektuelle Diskussion solcher Sichtweisen beabsichtigt. Worauf es ankommt, ist eine Sensibilisierung für die Gefahren, die mit der Rationalisierung und Kommunikation mystischer Erfahrung verbunden sind, und die sich schon nur aus einer bestimmten Wortwahl ergeben können. Das bedeutet andererseits aber auch nicht, den Verstand in seiner in das Leben drängenden Spiritualität auszuschalten. Das „ethische Arschloch“, wie Wilber es nennt, hält sein Herz verschlossen. Der „Licht-und-Liebe-Träumer“ (man verzeihe mir diesen nur ausnahmesweise gebrauchten polemischen Begriff) hingegen hält seinen Verstand verschlossen, und lebt nicht selten letztlich dadurch selbst auch unethisch, weil die Verstandesuntätigkeit zu einer Ausblendung von Realität und kognitiver Dissonanzen führt – mit allen entsprechenden Folgen hinsichtlich des eigenen Handelns. Es kann auch nicht darum gehen, mal „auf den Kopf“, und mal „auf den Bauch“ zu hören. Beide Extreme der Nicht-Ethik blieben so potentiell erhalten. Die Chance, die Mystik bietet, ist Herz und Verstand in eine Einheit zu überführen. Hier bedarf es keines Straf- und Belohnungssystems mehr, um ein ethisch-moralisches Leben zu führen. Und es bedarf keines intellektuellen Konstruktes (so legitim dieses ist!), um sein Herz zu rechtfertigen.

Erkennbar wird dann auch, dass nicht der Tod das Mysterium des Lebens ist, sondern das Leben selbst. Grund genug für Ethik.

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