Wusstest du, dass Gott sich immer mehr aus dieser Welt zurückzieht, weil es ihm dort zu laut geworden ist? Er hat nämlich sehr empfindliche Ohren. Schon wenn ich den Rasenmäher aus dem Schuppen hole, sieht er mich vorwurfsvoll an. „Habe ich dir das Gras nicht schön genug erschaffen, dass du es regelmäßig abschneidest?“.  Oder wenn ich mich in das Auto setze, was selten genug vorkommt, dann seufzt er diplomatisch: „Wozu habe ich dir zwei Füße gegeben? Ist dir mal aufgefallen, dass du langsam ein Bäuchlein ansetzt?“ („Recht hast du, Gott. Aber heute muss ich zwei Sack Zement kaufen.“ „Ach so.“). Über Flugzeuge allerdings braucht man mit ihm gar nicht erst zu diskutieren. Naja, in manchen Dingen ist er halt sehr resolut. Das darf er natürlich auch, er ist schließlich Gott.  Musik mag Gott schon, aber wenn rund um die Uhr das Radio dudelt, dann wird es ihm doch zu viel. So ähnlich ist es auch mit dem Reden. Austausch zwischen Menschen findet er gut. Geschwätzigkeit mag er weniger. Er mag es auch nicht, wenn Menschen brüllen. Klar, früher hat er das auch manchmal gemacht, wenn er sehr wütend war. Aber das hat er vor etwa 2000 Jahren dann doch aufgegeben. Damals hat man ihm sehr weh getan. Seit dem flüstert er nur noch, wenn er jemanden ruft.

Wenn Gott in dieser Welt unterwegs ist, dann gerne in kleinen Dorfkirchen, Moscheen, Synagogen und anderen Häusern, die man extra für ihn gebaut hat, wenn kaum jemand darin und es still ist. Er mag auch Zimmer, wo Menschen verstummen, um zu beten oder zu meditieren. Krypten findet er ganz klasse. Aber das alles sind mehr so eine Art Verstecke, Orte der Flucht für ihn. Denn am liebsten ist er dort, wo der Gesang seiner gefiederten Kinder nicht von Motorenlärm übertönt wird, er das Trappeln von Mäusefüßen im Moos des Waldbodens und das Brummen fliegender Käfer, das Atmen der Rehe und das leise Rauschen der Blätter noch hören kann. Aber solche Orte werden immer seltener. Und deswegen trifft man ihn in dieser Welt auch nicht mehr so oft ganz unvermittelt an.  

Sein Freund Rumi hat vor acht Jahrhunderten mal ein wunderschönes Gedicht geschrieben:

In dieser neuen Liebe stirb.

Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.

Werde der Himmel.

Reiß‘ ein die Wände deines Gefängnisses.

Entkomme.

Gehe heraus wie jemand,

der unversehens in die Farben geboren wird.

Tue es jetzt.

Dichte Wolken verhüllen dich.

Gleite heraus.

Stirb, und sei still.

Stille ist das sicherste Zeichen,

dass du gestorben bist.

Dein altes Leben war eine rasende Flucht

vor der Stille.

Der stumme Vollmond

kommt nun hervor.

 

Dieses Sterben verschenkt Gott an jene Menschen, die ihm immer wieder den Gefallen der Stille tun. Es ist wunderschön, dieses Gestorbensein. So schön, dass man betet: Gott, lass mich bloß nicht wieder leben. (Da macht Gott allerdings nicht so richtig mit. Er wird seine Gründe dafür haben, die er aber nicht verrät. Schließlich ist er Gott; da muss er auch ein paar Geheimnisse behalten dürfen, selbst wenn manche Menschen damit nicht einverstanden zu sein scheinen.) Dieses Sterben ist eine Gnade. Eine große Gnade, an der wir mitwirken dürfen, wenn wir wollen. In der Arbeit an einer stilleren Welt. Innen wie außen. Und nicht nur in Zimmern und Gotteshäusern. Sondern auch in Gärten und Wäldern, auf den Straßen und in den Städten, in Büros und am Himmel. Wir müssen dafür gar nicht viel tun. Nur manches einfach lassen. Und plötzlich hören wir ein Flüstern…

Danke, Gott.

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