Es steht außer Frage, dass der Mensch noch ziemlich am Anfang seiner potentiellen Evolution steht. Gleiches gilt zweifelsohne auch für Geist und Bewusstsein. Für den heutigen Menschen ist es kaum bis gar nicht vorstellbar, dass, wie und wohin Geist und Bewusstsein sich im Laufe künftiger Evolution weiterentwickeln werden. Dennoch gibt es keinen Grund für die Annahme, Geist, Bewusstsein und kognitive Fähigkeiten hätten mit uns in Verstand, Vernunft und Rationalität den Höhepunkt ihrer möglichen Entwicklung erreicht. Wir sind Wesen des Übergangs, wie Hoimar von Ditfurth das – auch und gerade im Hinblick auf Geist – einmal nannte.

Das relativiert nicht nur das zeitgenössische wissenschaftliche Weltbild und die kosmischen Vorstellungen der Religionen, sondern auch die nicht selten verabsolutierend wirkenden Erkenntnisse der Mystik über das „Wesen“ des Kosmos. Die genaue und offen kritische „Betrachtung“ mystischer Erfahrung führt letztlich zu der Einsicht, dass in ihr selbst keinerlei (spirituelle, religiöse, philosophische) Erklärung für sie vorgetragen werden kann. Alles, was bei dem Verlassen der unmittelbaren Erfahrung als Erkanntes ausgesagt wird, ist Interpretation des Erfahrenen.

Allerdings ist Mystik auch weit mehr als die Nach-Interpretation einer ansonsten bedeutungslosen Erfahrung. Aus der Mystik hervorgegangene kosmische „Modelle“, wie die Omega-Punkt-Theorie Teilhard de Chardins oder der holarchische Kosmos Ken Wilbers, sind Momentaufnahmen eines jetzt möglichen Geistes und Bewusstseins. Es ist nicht plausibel anzunehmen, dass sie absolute Erkenntnis seien. Wie auch physikalische Theorien nur auf sich selbst bezogen und nur eine Methode zur Beschreibung einer Dimension von Wirklichkeit sind, wie sie Homo sapiens im derzeitigen evolutiven Entwicklungsstand von Geist, Kognition und Bewusstsein jetzt wahrzunehmen in der Lage ist, so kann auch Mystik nicht die höchst- und letztmögliche, absolute Quelle der endgültigen Erkenntnis des Kosmos im Laufe aller Zeiten sein.

Das macht Erfahrung und Aussage der Mystik zwar zu einem Relativen, jedoch nicht zu einem Falschen und Bedeutungslosen. Trotz der Relativität der Naturwissenschaften – eine allumfassende Wirklichkeitserfassung ist mit ihnen nicht möglich – beschreiben Sie dennoch ja ein gutes Stück Wirklichkeit. Das aber bemisst sich an der empirischen Funktionalität. Ob diese – eben funktionierende – Beschreibung von Wirklichkeit tatsächlich genau der Wirklichkeit entspricht, lässt sich  – wie bereits an anderer Stelle in diesem Blog gesagt – aus grundsätzlichen Erwägungen nicht beantworten. Zwar lässt sich dies nicht unmittelbar auf die Mystik übertragen, jedoch ließen sich hier durchaus Analogien aufzeigen, die der Mystik ebenso ihren Platz in den berechtigten Erkenntnisarten, Sichtweisen und Orientierungen verschaffen sollten. Klar sein muss dabei allerdings, dass Mystik in ihrer eigenen Sprache spricht und nicht in das Korsett von Greifbarkeit und Kausalität gezwungen werden kann.

Der mystische Erkenntnis bringende Geist ist nur ein vorläufiger, und sein Bewusstsein ist ein Übergang. Aussagen der Mystik haben ihre Wahrheit. Aber sie haben sie nur für jetzt mögliches Bewusstsein. Vielleicht bleiben sie relativ wahr, in einer erst später erkennbaren, größeren Wahrheit, die ihrerseits wiederum nur relativ sein wird. Als absolut aber sind solche Wahrheiten derzeit nicht denkbar, wenn man akzeptiert, dass Geist noch lange nicht den Höhepunkt seiner potentiellen Entwicklung in der Evolution des Kosmos erreicht haben wird. Auch in spiritueller Hinsicht sind wir, die modernen Menschen, im Kosmos und in der Evolution nur Wesen des Übergangs.

Advertisements