Sprechen über Mystik (2) – Eine Momentaufnahme

Für manchen mag die mystische Erfahrung das hohe Ziel eines religiösen oder spirituellen Weges sein – endlich die visio dei, endlich die unio mystica, endlich bodhi, das Erwachen, die Erleuchtung.

Es hat lange gedauert, dies zu erkennen: Für mich ist sie erst ein Anfang, der Impuls einer Evolution des Geistes, einer spirituellen Evolution, in der nicht ich der Lenkende bin, nicht sein kann, sondern der Geschehenlassende. Die mystische Erfahrung ist nicht der Endknall zur Vervollkommnung eines durch spirituelle Übung errichteten oder erschlossenen inneren Kosmos, sondern wie ein Urknall, der Raum, Zeit und Inhalte eines neuen inneren Kosmos erst zu evolvieren beginnt, zu einer stets vorhandenen „Hintergrundstrahlung“ dieses Urknalls führt und schließlich auch in veränderter Wiederkehr zu einer stetig vorantreibenden Kraft des Wandels in diesem sich ausdehnenden Kosmos wird.

In dieser Evolution begann sich die Mystik aus dem in den „Alltag“ nachwirkenden Status momentanen oder zeitweiligen Erlebens zu transformieren in einen alles durchdringenden Erfahrungsraum. Das meint nun gerade kein abgehobenes ständiges Schweben in einem „High-Level-Consciousness“, sondern eine veränderte, neue, subtile Wahrnehmung von Allem, was einem begegnet.

Mystik hört in diesem Prozess allmählich auf, sich in das alltägliche Leben tragen zu lassen. Vielmehr wird das gesamte Leben zur Mystik – auch das, was unvollkommen, fragmentarisch und mit Fehlern behaftet ist oder scheint. Diese Mystik, diese Wahrnehmung der Mystik, wird einerseits immer umgreifender, und andererseits immer geheimnissvoller. Auch wenn die eigene Ratio versucht zu folgen und „Übersetzungen“ des Transrationalen in das Rationale zu finden, so gelingt es längst nicht mehr. Was sich einstmals für einen selbst noch einigermaßen sagen ließ und nur für manch andere un- oder missverständlich blieb, endet nun in einem Schweigen vor sich selbst.

Es bleibt bei einem Sprechen, einem Sprechen in Bildern, Gedichten, in Diskussionen oder im Schwärmen von Gott. Doch selbst wenn es das gleiche Sprechen ist wie zuvor, so ist das, was es sagen will, so unsagbar wie nie zuvor.

Längst schon kann ich nicht mehr sagen, Mystik sei ein Weg. Längst schon kann ich nicht mehr sagen, es ginge um meine Seele, um mein Heil, um Erleuchtung, Erlösung, Errettung – so wie es der Christ sagt, der Muslim, der Buddhist, der Hindu oder Jain. Ich glaube, bei dem, was da in mir geschieht, geht es gar nicht um mich. Und nun kann ich nicht einmal mehr sagen, um was es überhaupt geht, ob diese Evolution des Geistes ein Ziel, eine Richtung, einen Endpunkt hat. Doch das ist ein anderes Thema…

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