Vor einigen Jahren schrieb ich einen Artikel darüber, wie in der heutigen Zeit über Mystik zu sprechen sei. Einiges sehe ich nach wie vor so, doch die Grundaussage dieses Textes vertrete ich heute nicht mehr in der gleichen Form. Dazu werde ich in einem der nächsten Artikel Stellung nehmen. Doch zunächst sei der damalige Text ohne weitere Anmerkung wiedergegeben.

Sprechen über Mystik

Ein kleines Plädoyier zur Entmystifizierung der Mystik

Exklusivitätsanspruch und Kuschelspiritualität

Wenn Menschen erstmalig eine mystische Erfahrung machen, sind sie üblicherweise überwältigt. Schnell stellt sich bei vielen von ihnen ein leises Gefühl einer Auserwähltheit ein. Das ist nicht verwerflich, sondern menschlich; die Euphorie dieses Momentes hat als potentieller Impuls darüber hinaus auch durchaus etwas sehr positives.

Doch wer die Mystik dann als den individuell richtigen Weg annimmt und in sein Leben einbettet, für den verliert die mystische Erfahrung im Laufe der Zeit das Attribut des Außergewöhnlichen. Mystik wird existentiell im wahrsten Sinne des Wortes, aber unspektakulär.

Nun gibt es Zeitgenossen unter den Mystikern, die mahnend den Finger erheben. Wer viel Aufhebens und viele Worte mache um Mystik, der hätte keine echte mystische Erfahrung, oder aus ihr nichts gelernt. Gleichzeitig schreiben – offenkundig paradox – dieselben Mahner dicke oder viele Bücher über die Mystik. Derartige Mahnungen müssen als Versuch der Proklamation eines Exklusivitätsanspruches erscheinen, der wohl in nichts gerechtfertigt ist.

Und gelegentlich begegnet man auf der anderen Seite – vielleicht zum Schaden potentieller Entfaltungsmöglichkeiten der Mystik – unter dem Begriff „mystische Literatur“ blumig-poetischen Texten, die kaum mehr als etwas Lebensweisheit und psychologische Lebenshilfe bieten.

Sprechen über Mystik sollte weder „Eingeweihtenzirkeln“ vorbehalten sein, noch durch allzu großzügige Begriffsauslegung seiner eigentlichen „Inhalte“ beraubt werden.

Besser nicht?

Natürlich ist mystische Erfahrung letztlich unsagbar, und ihre Kommunikation gestaltet sich mangels adäquater Sprachmöglichkeiten und des damit verbundenen Missverständnispotentials äußerst schwierig. Dennoch gibt es viele spannende Fragen und Ideen zur und über Mystik, über den Weg, ihre Aussagen, ihre Folgen. Fragen philosophischer, spiritueller, religiöser, psychologischer, kultureller, naturwissenschaftlicher, existentieller Art. Fragen, die in gewissen Grenzen durchaus diskutabel sind.

Wohl nicht ganz ohne Mitschuld einiger Diskutanten gerät das Thema Mystik gelegentlich auch in den Verdacht eines Bekehren-Wollens zur „Wahrheit aller Wahrheiten“. Doch Vielen geht es lediglich um einen in der Motivation vielleicht unterschiedlichen Diskurs unter Interessierten. Auch der Wert eines solchen Diskurses wird individuell bedingt sein und vermutlich unbrauchbar für ein „Wir müssen endlich…“ jedweder Art. Beiden Seiten, dem an Mystik Interessierten wie auch dem Mystiker, wäre zu wünschen, dass eine vorurteilsfreie und tolerante Diskussion geführt werden kann.

Exspiration

Der Mystiker unter dem Feigenbaum im Dschungel oder im abgeschiedenen Bergkloster hat nachvollziehbar etwas romantisch-verklärtes, dem so Mancher verständlicherweise träumerisch anhängen mag. Doch Mystik ist kein Weltfluchtkonzept.

Der Mystiker des 21. Jahrhunderts – sofern er sich eben nicht (was selbstredend auch legitim ist) „von der Welt zurückzieht“ – ist in eine höchstkomplexe moderne Welt eingebettet. Während der eremitische Mystiker Liebe und Mitgefühl noch relativ einfach leben konnte oder kann, gestaltet sich für den mitten in einem „normalen“ Leben stehenden modernen zeitgenössischen Mystiker dies sehr viel schwieriger, wenn er sich angesichts der komplexen Verflechtungen einer globalisierten Welt der Unentrinnbarkeit seiner „Mittäterschaft“ an dem, was Liebe und Mitgefühl widerspricht, bewusst wird. Dass ihn dies existentiell angehen kann, und er vielleicht das Bedürfniss hat, darüber zu sprechen, widerspricht nicht der Mystik. Auch in der Mystik gibt es unterschiedliche Wege in der Welt und des Umgangs mit ihr.

Es stellt schlicht ein Missverständnis dar, wenn das Aufzeigen von Missständen, die für Andere und Anderes Leid bedeuten, als nicht im Einklang mit Mystik stehende Anklage, Verurteilung oder „Leidkultur“ gedeutet wird. Eher das Gegenteil kann der Fall sein. Gerade in Anbetracht des Wissens um die globalen Verflechtungen kann das Bewusstsein des „EINEN“ mehr denn je auch das „abstrakte Moment“ des Mitgefühls fördern – das Mitgefühl für das, was man nicht unmittelbar sehen oder berühren kann.

Das „EINE“ ist keine andere Welt, „es“ ist nicht getrennt von dieser Welt, sondern „es manifestiert und lebt“ diese Welt. Mit allen Problemen und möglichen Problemlösungen. Es gibt keinen Grund, warum ein Mystiker sich da heraus halten sollte.

Das zunehmende Eingeschnürtsein des Einzelnen in die Verflechtungen der heutigen Welt wirft neue Fragen auf. Auch für die Mystik. Konzepte und Begriffe der Rede über Mystik müssen modernisiert, verworfen, neu entwickelt, oder ganz beiseite gelassen werden dürfen. Allein schwärmerisch-mystizistisches Sprechen ist in moderner komplexer Kommunikation oft wenig hilfreich, und vermag zu fördern, dass Mystik von Nicht-Mystikern weniger ernst genommen wird. Das wäre angesichts des Potentials der Mystik schade. Es täte der Mystik vielleicht gut, wenn man sie ihres mysteriösen Nimbus berauben würde, und über sie so offen sprechen könnte, wie über alle Dinge des Alltags.

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