In seinem Buch „Gott – nicht zu glauben“ (Verlag Herder, 1987) schreibt Phil Bosmans von einem Freund:

Er konnte noch genau den Tag sagen und die Stunde und die Straße, in der Gott ihn überfallen hat. Überfallen – ja! Es kam so unerwartet. Eine unerklärliche Freude. Fliehen wollte er, aber er konnte nicht weg. Er stand am Boden wie festgenagelt. „Ich werd‘ verrückt“, dachte er. Sein ganzes Wesen schrie es heraus: Gott existiert! Er sträubte sich: Nein, nein, nein. Das geht nicht. Aber es ließ ihn nicht mehr los.

Gott existiert!

Aber Gott war doch Opium. Seine Eltern waren überzeugte Marxisten, und das saß auch bei ihm in Mark und Bein. Die Briefe seiner Brautzeit waren immer sehr lang gewesen, um seine Verlobte zu überzeugen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sie es zusammen aushalten sollten, wenn sie in diesem Punkt nicht einer Meinung wären.

Und nun stand er da, am hellichten Tag, auf einer der vielen Straßen der Großstadt – konfrontiert mit Gott. Ein fremdes Gefühl, und eine Sicherheit, die er nicht erklären konnte. Wochenlang hat er mit sich gerungen und seiner Frau nichts davon sagen können, bis er es an einem Abend nicht mehr aushielt. Im Halbdunkel auf einen Stuhl gelehnt, sagte er: „Anni, ich glaube. Gott existiert!“ Er erwartete Widerstand, Streit, Probleme, aber es wurde eine stille Umarmung. Seine Frau konnte vor Tränen nichts sagen. Wieder kam eine unglaubliche Freude über ihn. Er fühlte, daß alles gut war, so gut wie nie zuvor. „Schon seit einer Weile gehe ich heimlich in eine Kirche“, sagte sie, „aber ich schwieg darüber, um dir nicht weh zu tun.“

Am Sonntag darauf gingen sie beide. In der Kirche waren ein paar Leute. Als sie kamen, las gerade jemand aus einem dicken Buch hinter einem Pult: „Wandelt als Kinder des Lichts“, und schaute zu den Angekommenen auf. „Ich hätte tanzen können“, erzählte er mir später, „solche nie erlebte Begeisterung erfüllte mich. Wir sind singend nach Hause gegangen, und mit einem dicken Stift habe ich im Kinderzimmer, im Wohnzimmer und in der Küche mit Großbuchstaben an die Wand geschrieben:

„Wandelt als Kinder des Lichts! „

Was war da geschehen? Ein Marxist erhält mitten auf einer Großstadtstraße einen Schlag, und innerlich schreit alles in ihm: Gott existiert! Aber er hat da doch kein seltsames Wesen auf der Straße gesehen. Auch keine Stimme von oben gehört. Was war das also?

Er glaubte auch nicht an Gott. Dann hätte es ja vielleicht auf der Hand gelegen, dass er diese plötzliche Erfahrung nun sich selbst und seinen Glauben bestätigend als eine Gotteserfahrung einordnet.

Nein, umgekehrt ist es: Da ist nicht jemand, sondern etwas, das ihm, dem Atheisten, diese Erfahrung in die Hand drückt und sagt: „Hier nimm, hier hast du mal eine Gotteserfahrung!“ Doch er will sie überhaupt nicht. Er sträubt sich, will fliehen. Denn es ist nicht irgendeine Erfahrung, die er so oder anders deuten könnte, passend zu seinem Weltbild und Denken. Nein, ihm ist sofort und eindeutig klar, dass das Gott ist, was sich da meldet. Und das passt eben nicht in sein Weltbild und Denken. Das ist unangenehm, begrängend, gefährdend. Damit will er nichts zu tun haben.

Später sagt er seiner Frau: „Anni, ich glaube. Gott existiert!“ Er sagt nicht: Ich glaube, dass Gott existiert. Nein, er formuliert einen Widerspruch. Er gesteht seinen Glauben, und fügt eine klare Aussage wie eine Tatsache, eben sein Wissen an. Nach dieser Erfahrung, die er sich nicht gewünscht hatte, nach der er nicht gesucht hatte, die er nicht für möglich gehalten hatte, die er immer für eine Lüge gehalten hatte, nach dieser Erfahrung scheint ihm der Sinn der Worte ‚Glaube‘ und ‚Wissen‘ aus den Händen zu gleiten. Nein, er hat keine Zweifel, dass Gott existiert. Das Wort ‚Glaube‘ passt nicht. Als der ehemals überzeugte Atheist weiß er aber auch, dass der Begriff ‚Wissen‘ nicht passt.

Diese Erfahrung, mit der er nichts zu tun haben wollte, bewirkt in ihm etwas, was er zuvor nicht kannte: Eine unerklärliche Freude, eine unerklärliche Sicherheit, eine nie erlebte Begeisterung. Alles war so gut wie nie zuvor.

Geschehnisse solcher oder ähnlicher Art kommen offenbar öfters vor, als man meinen könnte. Laut dem Buch „Gott, Gene und Gehirn“ von Rüdiger Vaas und Michael Blume haben zahlreichen Umfragen zufolge zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen weltweit mystische Erfahrungen gemacht.

Das dies nicht unwahrscheinlich ist, zeigen auch andere Aspekte. Der Neurologe Michael Schröter-Kunhardt sagte in einer Radiosendung (NDR Kultur – „Glaubenssachen“):  „Es gibt Gehirnbereiche, die mystische Erfahrungen beinhalten oder zumindest aktivieren, und das belegt, dass – kurzgefasst: Der areligiöse Mensch irrt immer, wenn er glaubt, Religion sei eine Frage des Glaubens, sondern: Jeder Mensch hat diese mystischen Erfahrungsmöglichkeiten in sich, und wer sie leugnet und glaubt, es gäbe überhaupt nichts oder Religion sei sinnlos, der ignoriert einen wesentlichen Teil seiner Anlagen.“

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