Was ich über den Seelengrund aussage, ist einerseits eine Empirie der Mystik, doch andererseits und gleichzeitig ein Glaube. 

„In einer Kathedrale sind die Fenster in unterschiedlichster Art gestaltet. In Blei gefasstes Buntglas, verschiedene Bilder, Motive und Geschichten, manche stellen nur Ornamentik dar, jüngere Fenster ersetzen kaputte ältere, nun in schlichtem klarem Glas, …. Aber durch alle scheint das gleiche helle Licht der Sonne.“

Die mystischen Erfahrungen werden gemacht und sind eingebettet in der Prägung des kulturellen Umfeldes und der individuellen Geschichte des Erlebenden. Das bedeutet nun nicht, dass die Erfahrungen an sich unterschiedlich sind, sondern lediglich, dass sie unterschiedlich aufscheinen – so wie das Licht, das wir erst im Bild wahrnehmen; wie das eine Licht, das durch die unterschiedlichen Fenster der Kathedrale scheint.

Jede wirklich gründliche Philosophie, insbesondere vor dem Hintergrund des aktuellen Standes der Naturwissenschaften wie Gehirnforschung und Quantenphysik -, zeigt eines ganz überdeutlich: Was wir als „Wirklichkeit“ erleben, ist nichts als ein „Modell“ in unserem Gehirn. Es ist anzunehmen, dass dieses „Modell“ mit einem Ausschnitt von Wirklichkeit korreliert (und in seiner evolutiven Entwicklung längst nicht am Ende sein wird). Aber: Wie und inwieweit es mit der „wirklichen Wirklichkeit“ übereinstimmt oder diese gar ist, lässt sich aus grundsätzlichen Erwägungen nicht festlegen.

 Unser Gehirn arbeitet eben mit dem, was der Philosoph Thomas Metzinger einen „nicht hintergehbaren naiven Realismus“ nennt, da die subjektiv erlebte Wirklichkeit die einzige Wirklichkeit ist, die es für die Innenperspektive des Bewusstseinsraumes überhaupt gibt. Wir sind unausweichlich gefangen in selbstreferentiellen, autopoietischen Systemen. Auch die Naturwissenschaft ist ein solches, und eben auch jedes, das um das „Schauen“ und Reden in und über Mystik evolviert.

Auch der Mystiker, so sehr ihm auch die mystische Erfahrung als die „wirkliche Wirklichkeit“ erscheinen mag und das Alltagsbewusstsein nur als Illusion, kann nicht im Sinne eines Anspruches auf „äußere und absolute Wahrheit“ sprechen. Auch er ist gebunden an das Instrument, das ihn die Erfahrung wahrnehmen lässt: sein Gehirn. Auch er ist gefangen in den Strukturen, die dieses Instrument vorgibt: das Modell menschlich partiell wahrnehmbarer Wirklichkeit.

So ist auch das Licht, das durch die Fenster der Kathedrale scheint, das „Absolute“ der mystischen Erfahrung, zunächst einmal nur eine Wahrnehmung von Wirklichkeit, die möglicherweise nur ein „modellhaftes“ Korrelat eines Ausschnittes einer noch viel größeren „Wirklichkeit“ ist – sofern nicht die mystische Erfahrung selbst lediglich und ausschließlich eine neuronal erzeugte Illusion des Gehirns darstellt, was ja ebenso möglich wäre.

Wir sehen also: Über Wahrheit und Wirklichkeit können wir am Ende nichts (und alles) aussagen, schon weil wir eben Innen und Außen letztlich nicht trennen können – auch, wenn wir dies ständig tun (und so erst die eigentliche Illusion von Wirklichkeit entsteht). Nicht einmal in Wahrscheinlichkeiten können wir, so in die Tiefe denkend, uns einer „wirklichen Wirklichkeit“ annähern, denn wir würden uns damit am Ende wieder nur uns selbst nähern.

Genau das aber, die Annäherung unserer selbst in der wirklichsten Wirklichkeit unserer selbst, ist ein zentraler Punkt der Mystik. Das Wort Wirk-lichkeit meint hier das, was in der Vereinigung des sonst im Alltagsbewusstsein als dual wahrgenommenen Innen und Außen, erkannt werden kann: Das Durch-wirken und Be-wirken des Kosmos in einem Absoluten, das nur in der erlebenden Aufhebung aller Trennung von Innen und Außen „absolut“ genannt werden kann. Anders lässt sich nicht sinnvoll vom Absoluten sprechen.

Damit erkennen wir schließlich an, dass die Mystik an sich Empirie ist, damit ein Wissen, und gleichzeitig wie letztlich doch Glaube. Erst recht ist alles Denken und Reden, das der Erfahrung folgt, Glaube. Schon das blasseste Bild, der leiseste Gedanke, das erste Wort, sind Glaube.

Doch letztlich sind wir alle, der Naturwissenschaftler, der Atheist, der Religiöse und der Mystiker, wenn wir in die letzte Konsequenz blicken, „nur“ Glaubende, die irgendwie und jeder auf seine Weise mit Wirk-lichkeiten operieren. Damit entfällt aber auch das „nur“ vor dem Glauben, wenn sich in und an der Wirk-lichkeit der Glaube bewährt. Die Mystik ist dabei einer der stärksten Impulse, die das Seelen- und Seinsbewusstsein erfahren kann, und so auch höchste Wirklichkeit.

Die mystische Erkenntnis ist also Glaube, und doch gleichzeitig auch Wahrheit und Wirklichkeit. Sie ist nicht innen oder außen, sie ist nicht innen und außen. Sie ist die Aufhebung der Existenz von Innen und Außen. Und damit das erfahrbar Absolute, das weder innen noch außen ist und auch nicht innerhalb der Aufhebung von Innen und Außen steht: Das Nichts, das nicht nichts ist. Gott, der nicht Gott ist. Die Leere, die Form ist. Das Eine, das sich jeder Formulierbarkeit entzieht und sich daher nur in Widersprüchen aussagen lässt, da Kausalität und Logik in ihm nicht existent sind.

Die unterschiedlichen Traditionen der Mystik sind wie verschiedene Instrumente, auf denen ein und dieselbe Melodie gespielt wird, und ihre Aussagen sind die Klangfarben und Eigenheiten dieser Instrumente. Es war die Schöpfung, die diese Musik schrieb, deren Klang vielleicht ein Widerhall dessen ist, der die Schöpfung schuf.

(Dieser Artikel geht zurück auf einen Kommentar, den ich vor einer Weile unter dem Pseudonym „Noah“ schrieb.)
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