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Gottes großes Hobby: Modellbau
Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die “Modellhaftigkeit” unserer Kognition bis hin zu Metzingers “Ego-Tunnel”: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch “objektive Wirklichkeit” nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein “korrigiertes” Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser “Ich”, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….
Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen “wir wissen”, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein “echtes” Wissen über die “objektive Wirklichkeit” außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.
Was damit anfangen?
Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntniss muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche “Wahrheitssuche” damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?
Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?
Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.
Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches (“Objektives”) über eine “objektive Wirklichkeit” aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?
Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.
Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.
Was kann Gott dann noch sein?
Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die “objektive Wirklichkeit”, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, “Objektives”) sagen, weil wir über die “objektive Wirklichkeit” nichts Letztliches (“Objektives”) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.
Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.
Die Qualia-Rede von Gott
An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort “Gott” benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort “Rot” benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von “Rot” als etwas “objektiv Objektivem” reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas “objektiv Objektivem” sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der “Offenbarungen”, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.
Sinn und Wahrheit
Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder “nur” Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.
Ein Beispiel:
Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das “biologische Sehen”, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein “optisches” (beschränktes) Modell von “Wirklichkeit”. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.
(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine “Umwandlung” von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)
Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder “nur” Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).
Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff “Rot” verzichtbar wäre, oder man “rot” künftig auch “blau” nennen könnte. Die “Qualia Gott” ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).
Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine “Qualia Gottes” kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer (erdachten) “objektiven Wirklichkeit Gott” außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese “objektive Wirklichkeit”. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‘zwei Gott’ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott kann ich eigentlich von “Wahrheiten” sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.
So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.
Anmerkungen:
1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.
2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.
3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)
4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.
5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)
6. Das Reich Gottes ist in euch.
7. siehe 6.
Auch wenn es schon etwa zweieinhalb Jahrzehnte her ist, erinnere ich mich noch sehr gut daran. Einmal im Monat kam ein Pater zu uns in die Diaspora, um als Gast die Messe zu lesen. Er war ein bereits älterer Herr mit schneeweißem Haar, der immer seine Gitarre dabei hatte; so, als hätte er etwas gegen Orgelmusik.
In jener Messe erzählte er von seiner Bekannten in der Großstadt. Sie war eine ehemalige Prostituierte, die ihr Leben der Hilfe und dem Beistand für andere Prostituierte gewidmet hatte. Dabei ging es nicht darum, ob sie aus einem Glauben heraus wirkte, sondern allein um ihr Tun. Von ihr zu berichten war ihm so wichtig, dass er anschließend – um den Zeitrahmen nach der längeren “Predigt” noch einigermaßen einzuhalten – einige Messrituale wegfallen ließ, und andere mit kurzen, halb eigenen Worten zelebrierte.
Unumwunden nannte der römisch-katholische Pater mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zuließ, diese ehemalige Prostituierte eine Heilige.
Wer weiß, vielleicht war es ja jene Messe, in der ich das erste Mal wirklich begriff, dass Gott sich auch, und nicht selten gerade dort zeigt, wo man ihn gar nicht in der Rede führt, wo er gar keine Rolle zu spielen scheint. Dort, wo Menschen einfach zupacken, um Leben so zu ermöglich, wie es sein soll. Dort, wo Menschen tatkräftig helfen, wo sie Not lindern, wo sie Kraft und Vertrauen schenken.
Das, was in der Seele über die Seele hinausweist, hängt nicht davon ab, dass man es in einen spirituellen oder religiösen Kontext bettet. Es muss keine Rolle spielen, wie man ein Für einander da sein erklärt, ob die Wissenschaften es nun in evolutionsbiologischen Altruismus-Konzepten unterbringen, oder ob Gläubige es mit dem Wirken Gottes begründen. Das alles hat seine Berechtigung und seine Wichtigkeit. Seine wesentliche Bedeutung aber hat es dadurch, dass es existent ist.
Wir sind keine abgeschotteten Entitäten, die allenfalls mal in latent egositischer Motivation anderen Lebewesen oder der Welt etwas Gutes tun. Liebe existiert. Im nüchternen und von Emotionalität befreiten Begriff der Kooperation scheint sie – bei allen Widrigkeiten – den ganzen Kosmos zu durchwirken, vom Urknall an, vom ersten Zusammenschluss und – wirken der ersten und kleinsten Teilchen bis zu den uns bekannten komplexesten Organismen mit Geistbefähigung. “Gott ist die Liebe” sagen manchmal die Christen. Das, wonach die Naturwissenschaften innerhalb ihres Betrachtungssystems suchen, die TOE, die Theory Of Everything, hat die Mystik auf ihre Weise längst gefunden. Aber das geht über die physikalische Welt hinaus, die ihr auch “nur eine Erscheinung des einen Ganzen” ist. Das Moment der Seele ist darin so etwas wie ein Bild, ein Bild des Unsagbaren, in dem erkannt ist, wie die oder der Einzelne mit allem verwoben ist.
Religiöser oder spiritueller Glaube bedeutet weniger ein “Glauben dass”, sondern vor allem ein “Glauben an”. Glauben bedeutet wesentlich Vertrauen. Ein Vertrauen darauf, dass ich in diesem unvorstellbaren Kosmos meinen gewollten und unverzichtbaren Platz habe, untrennbar verwoben mit dem großen, einen Ganzen. Ein Vertrauen darauf, dass “in diesem großen Rahmen” das alles seine Richtigkeit hat: Das, was mir geschenkt wird, das, was ich erdulden muss, mein Dasein und mein Ende. Aber auch ein Vertrauen darauf, dass das Drängen menschlicher Seelen nach einem Für einander da sein und Gutes zu tun einen Hintergrund hat. Und selbst wenn dieser Glaube, dieses Vertrauen fehlt, ist oft im Tun der Menschen immer noch etwas zu erkennen, was über sie selbst hinausreicht, was in ihren Seelen über ihre Seelen hinausweist. Diese Transzendenz kann man Wirken Gottes nennen. Man muss es aber nicht. Denn so oder so: Es existiert.
Welche Weltsicht, welchen Blick auf das „um uns herum“ Existente, welches Empfinden haben wir eigentlich aus unserer individuellen Spiritualität gewonnen? Wie versprachlichen wir das, wie bringen wir dies in Einklang mit unserem Denken, und vor allem mit unserem Handeln?
Bekanntermaßen ist eine Orientierung in der Welt und im Leben allein an Empfindungen schlichtweg nicht möglich. Unseren Verstand benötigen wir unumgehbar ebenso. Wenn unsere Spiritualität nach Verwirklichung im Leben drängt, und wir nicht wie Blinde uns nur tastend Schritt für Schritt fortbewegen wollen, dann müssten wir doch eigentlich auch ein einigermaßen schlüssiges rationales Konzept für unsere Haltung, unser Denken und Handeln aufweisen können, welches mit unserer spirituellen Haltung und unserem spirituellen Erleben und Denken Hand in Hand geht. Kurz: Wie bringt man Herz und Verstand insoweit in Einklang?
Dabei kann es nicht nur darum gehen, wie wir im Hinblick auf die vorgenannte Fragestellung mit unserem Nächsten, unserem Partner, Nachbarn oder Kollegen umgehen, sondern auch, wie wir zu unserer Umwelt, zu unseren Mitgeschöpfen, eigentlich zu allem, was uns umgibt, stehen, sei dies nun in konkreter Nähe oder in abstrakter Ferne, resp. ob dies für uns überhaupt eine Rolle spielt. Es geht um eine Philosophie unserer Moral, also um Ethik, vor dem Hintergrund oder auf der Basis unserer Spiritualität, als Pendant, als Durchdringung, als „Rückseite derselben Münze“, oder wie auch immer.
Nochmal: Die Frage ist legitim, ob und wie das, was uns nah oder fern umgibt, für uns überhaupt eine Rolle spielen soll. Denn es entspricht meiner Beobachtung, dass für so manchen Menschen seine Spiritualität in erster Linie ihm selbst gilt, nicht der Transzendenz seiner selbst. Das respektiere ich. Es lässt sich nicht moralinsauer der Zeigefinger erheben, sondern nur darstellen, was einen selbst bewegt. Wenn ich also oben und an späterer Stelle sage „müssten“, dann bedeutet das nicht eine Forderung, kein „wir müssen“, sondern spiegelt allein mein (möglicherweise zu beschränktes) Denken, das in diesem oder jenem Punkt keinen anderen Schluss für mich zuließe, ohne in einen rationalen Bruch zu gelangen. M.a.W.: Ich schreibe hier von mir, von meiner Sicht. Und das stelle ich bewusst voran. Diese Zeilen sind eigentlich nur die Wiedergabe eines Selbstgespräches, das ich seit Jahren führe. Vielleicht kann die ein oder andere Leserin oder der ein oder andere Leser davon etwas für sich mitnehmen, so sie oder er es denn möchte.
Manches wird vielleicht mancher Leserin oder manchem Leser von der Begrifflichkeit her nicht sehr vertraut sein. Um den Lesefluss zu wahren, erkläre ich daher die angeführten Positionen. Das macht den Artikel etwas länger, was ich zu entschuldigen bitte. Ich selbst würde einen derart langen Artikel nicht lesen, was vermutlich Vielen so geht. Das macht mir Mut macht, ihn überhaupt zu veröffentlichen.
Leben auf Kosten anderer
Leben geht immer auf Kosten Anderer und Anderem. Es beginnt mit der Nahrung und endet nicht nur beim Abtöten von Bakterien bei einer Erkrankung. Das Leben auf Kosten Anderer widerspricht meiner eigenen Spiritualität ganz klar. Wie also kann ich damit umgehen? An welchen Kriterien kann ich mein Handeln ausrichten? Ist es die Notwendigkeit? Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, kein leidensfähiges Lebewesen für mich leiden oder töten zu lassen (oder gar selbst zu töten), wenn es nicht wirklich notwendig ist. Aber mein spirituelles Erleben geht darüber hinaus. Aus dem Erleben der Einheit heraus tritt immer wieder die Heiligkeit allen Seins mir gegenüber. Was mache ich dann mit meinen Skrupeln, den Rasen zu mähen, die Hecke zu schneiden oder bei einer Klettertour womöglich ein klein wenig des Berges zu beschädigen? Das zu lösen ist vermutlich unmöglich. Aber es geht für mich darum, auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein. Diesen Weg abzustecken komme ich nicht umhin, auch meinen Verstand, so kümmerlich dieser oft auch sein mag, zu gebrauchen.
Versprachlichung
Sprachgebrauch spiegelt immer auch den Stand ethischen Bewusstseins und entsprechend daraus resultierender Handlungsfolgen wider. Wie wir reden, so sind wir. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir reden, so denken wir auch über uns selbst nach.
So verweist der Begriff Umwelt auf die Wahrnehmung der Welt als um den Menschen herum. Die entsprechende ethische Positionierung (Umweltethik) wird folglich anders ausfallen als in der Wahrnehmung der Welt als einem Miteinander des Menschen mit allem, was ihn umgibt. Der Umwelt-Begriff wird in aller Regel in der anthropozentrischen Perspektive gebraucht. Umweltschutz wird betrieben, um Menschen das Überleben oder bestimmte Werte zu sichern, jetzt und für künftige Generationen.
Mitwelt ist ein vom Naturphilosophen Prof. Dr. Meyer-Abisch eingeführter Begriff, um den Blickwinkel von der stark anthropogen bezogenen und auf den Menschen als im Mittelpunkt stehenden Subjekt hin zu einem auf die Eigenwelt der Natur einbeziehenden Sichtweise aufzuwerten. Hierbei besteht jedoch in gewissem Rahmen – trotz der vom Anthropozentrismus sich fortbewegenden Denkweise - nach wie vor die trennende Wahrnehmung des Menschen als sich der „Eigenwelt der Natur“ gegenüberstehend – mit entsprechenden Schlussfolgerungen in der dieser Perspektive entspringenden ethischen Überlegungen (Mitweltethik).
Der Mensch lässt sich aber auch als nicht getrennt von Umwelt, Mitwelt oder Natur denken, sondern als Teil von ihr, der mit ihr zusammen in aller Vielfalt ein Ganzes bildet. Im Kontext des einen Ganzen lässt sich der Mensch und sein Handeln auf eine Ethik hin betrachten, die durch holistische Positionen gekennzeichnet ist (Holistische Ethik).
Was also sagt mir meine Spiritualität über das, was „um mich herum“ ist? Ist es wirklich „um mich herum“, oder ist es eher „mit mir“, oder erfahre ich mich als „eins mit der Welt“?
Exkurs: Werthaltungen
Im Wesentlichen gibt es vier ethische Werthaltungen, die zu entsprechenden ethischen Grundpositionen führen:
- Instrumenteller Wert
Etwas wird um etwas anderen willen geachtet. - Inhärenter Wert
Etwas wird um seiner Gegenwart willen geschätzt. - Intrinsischer Wert
Etwas ist wertvoll, weil es in sich selbst für gut befunden wird. - Eigenwert
Etwas wird um seiner selbst willen geachtet.
Es kann dabei durchaus zu Überschneidungen dieser Werthaltungen kommen.
Jeweils zu erkennen, welche Werthaltung in meiner eigenen ethischen Position in den Vordergrund tritt, ist wesentlich für die Bewusstmachung der Gründe meines Denkens und Handelns.
Der Anthropozentrismus
Der Anthropozentrismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern stellt im Großen und Ganzen das übliche Weltbild der heutigen Menschheit dar. Dementsprechend sind die meisten ethischen Haltungen mehr oder minder anthropozentrisch basiert.
Mit einfachen Worten gesagt, stellt der Anthropozentrismus den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und in das Zentrum ethischer Überlegungen. Moralische Verpflichtungen bestehen entsprechend prinzipiell nur, zumindest weit vorrangig, gegenüber Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass für Anthropozentriker alles Andere bedeutungslos wäre. Natur-, Umwelt- und Tierschutz gelten als Handlungsnormen zur Zweckerfüllung zugunsten des Menschen mit drei Argumenten:
- Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist auf die Umwelt angewiesen. Um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern, muss er die Umwelt schützen. Um z.B. gesündere Nahrung zu erhalten, strebt er biologischen Landbau oder artgerechte Tierhaltung an. Damit weist er Natur, Tieren usw. einen instrumentellen Wert zu.
- Ästhetisches Argument: Der Mensch schätzt die Natur um ihrer Gegenwart und Ästhetik wegen. Sie ist einzigartig und als Quelle angenehmer Empfindungen für den Menschen unverzichtbar, eine Art Kulisse für ein gutes Leben. Damit wird ihr ein inhärenter Wert zugewiesen.
- Pädagogisches Argument: Ein respektvoller Umgang mit der Natur (oder den Tieren) erzieht den Menschen zu einem besseren Umgang mit anderen Menschen (wiederum also ein instrumenteller Wert).
Dabei wird der Anthropozentrismus allerdings in aller Regel gesetzt, nicht hergeleitet oder begründet, gerade so, als wäre er axiomatischer Natur. M.a.W.: Der Anthropozentrismus entbehrt einer epistemologischen resp. argumentativen Grundlage.
Soweit er überhaupt begründet wird, vertritt – neben ideologischer resp. religiöser Begründung – zumeist die besondere Befähigung des Menschen das Hauptargument für den Anthropozentrismus. Schließlich seien Fähigkeiten wie Denken, Geist, Religiosität, Kunst usw. nur dem Menschen zu eigen, nicht aber den Tieren. Abgesehen davon, dass sich in den Wissenschaften längst die Erkenntnis abzeichnet, dass es sich hierbei lediglich um graduelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede handelt (wenn auch sehr deutliche), übersieht diese Argumentation, dass Ethik nicht Gruppierungen gilt, sondern stets Individuen, resp. Individuen in Gruppierungen. Daraus folgt, dass es anthropozentrisch-ethischen Positionierungen mit dem Anknüpfungspunkt gruppenunterscheidungsrelevanter Befähigungen an argumentativer Stringenz fehlt.
Ein konkretes Beispiel hierfür ist der dauerkomatöse Patient, welcher nicht mehr zum Denken befähigt ist. Ihm gegenüber gestellt wird zum Beispiel ein hoch entwickelter Primat wie ein Schimpanse, der in einem Ausmaß zum Kombinieren und Vorausplanen befähigt ist, dass man dieser Befähigung nicht mehr ohne weiteres die Begrifflichkeit des Denkens absprechen kann. Wäre nun die Denkbefähigung entscheidendes Kriterium für ethische Wertbeimessung, so dürfte man im Zweifelsfalle eher den komatösen Patienten töten als einen Schimpansen – was aber gerade ein Anthropozentriker keinesfalls unterschreiben würde.
Die eigentliche Basis des Anthropozentrismus ist vermutlich eine Mischung aus evolutiv entstandener allgemeiner genetischer Disposition, die zu bestimmten Verhaltenausprägungen führt und mit der Regulierung von Sozialverbänden sowie deren Orientierung und Agieren in der Welt zusammenhängt, im Verbund mit kulturellen Prägungen.
Der Anthropozentrismus betrachtet den Menschen faktisch oder explizit als „Krone der Schöpfung“. Das entspricht meiner Spiritualität in keinster Weise. Und ich erkenne auch keinen vernünftigen Grund für ihn. Dennoch wurden wir geprägt, so zu denken, der Mensch stehe stets im Mittelpunkt, oder hätte stets Vorrang vor allem anderen. Das gilt auch für mich und gerät sicherlich hier und da unreflektiert in mein Handeln. Es zu hinterfragen und zu ändern liegt bei mir.
Pathozentrismus
Die ethische Grundposition des Pathozentrismus spricht moralisch allen empfindungsfähigen Wesen einen Eigenwert zu, basiert also (wenn auch nur begrenzt) auf der genannten Werthaltung des Eigenwertes. Nach herrschender Meinung steht die pathozentrische Haltung im Gegensatz zum Anthropozentrismus, jedoch findet sie sich tatsächlich auch in der „milden Form“ des Anthropozentrismus, welche nicht mehr ausschließlich dem Menschen ethisch relevanten Wert beimisst, diesem jedoch mit deutlichem Vorrang. In dieser Ausprägung begründet er zum Beispiel Vegetarismus oder den rechtlichen Tierschutz.
Die Kritik an pathozentrischer Ethik argumentiert, der Leidbegriff unterliege zu sehr der Subjektivität, so dass sich aus ihr keine objektive Handlungsanleitung ergeben könne. Hinzu tritt oft eine utilitaristische Sichtweise auf den Pathozentrismus, welche gleichsam mengenmäßig großes Leid weniger Individuen gegen die Freude vieler Individuen aufrechnen zu können meint. Hierbei wird der ethischen Haltung latent (oder auch explizit) teleologisch eine Art Hedonismus oder Eudämonismus zugrunde gelegt (konsequenterweise müssten sich diese allerdings wiederum dem Vorwurf der Subjektivität stellen), und orientiert sich de facto – schon aufgrund der Argumentation hinsichtlich der Empathien – letztlich wieder am Vorrang des Menschen.
Der Pathozentrismus kommt meiner Spiritualität insofern schon näher, als er wesentlich auf Empathie und Mitgefühl basiert. Die Heiligkeit einer Landschaft aber zum Beispiel bezieht er in sein Konzept nicht ein (was nicht bedeutet, dass einem Pathozentriker eine Landschaft nicht heilig sein könnte; allein er kann dieses Heiligkeitsempfinden nicht in sein ethischen Konzept auch rational unterbringen).
Biozentrismus
Der Biozentrismus geht über die beschränkte Eigenwertzuordnung des Pathozentrismus hinaus und ordnet allem Lebendigen einen ethischen Eigenwert zu. Unterschieden werden zwei Ausprägungen:
- Egalitärer („radikaler“) Biozentrismus: Jede Entität hat den gleichen Eigenwert.
- Hierarchischer („schwacher“) Biozentrismus: Die Eigenwerte sind abgestuft, in der Regel danach, wie „hoch“ ein Lebewesen entwickelt ist.
Der Biozentrismus ist dabei die erste Ebene, auf der schlüssig kontraktualistisches Denken seinen Platz finden kann (z.B. „Verträge“ mit Tieren), Fragen der Gerechtigkeit, des Ein- oder Ausschlusses und der Diskriminierung gestellt werden können und werden (Speziesismus-Debatte).
Die Kritik am Biozentrismus wird i.d.R. aus utilitaristischer oder anthtropozentrischer Sicht geführt, der ich so oder so nicht folgen kann.
Klar ist für mich, dass mir der Biozentrismus immer noch nicht ausreicht, um auf rationaler Ebene mit meinem spirituellen Empfinden zu korrelieren.
Physiozentrismus, Ökozentrismus und Holismus
Die ethische Grundposition des Physiozentrismus geht über die Beschränkung moralischer Verpflichtung auf Lebewesen hinaus und berücksichtigt als ethisch relevant alles, was existiert, in der terrestrischen und sogar außerterrestrischen Welt. Sie ist also diejenige Position, die am weitestgehenden moralisch Eigenwert zuschreibt.
Im Physiozentrismus werden zwei Varianten unterschieden:
- Individualistischer Ökozentrismus: Alle individuellen Einheiten, einschliesslich der Steine, können moralisch richtig oder falsch behandelt werden.
- Holismus: Die ethische Relevanz wird bezogen auf Holons, auf Systeme und gleichzeitig deren sie bildenden Untersysteme und einzelnen Teile (z.B. Natur – Ökosysteme – Arten – Individuen – usw.), also auf Greifbares und Nicht-Greifbares.
Dabei finden sich in holistischen Theorien und Modellen unter prinzipiell wohl gleichem Grundgedanken oft Unterschiede – auch zur verwandten Philosophie der Ganzheit.
In einer holistischen Ethik können die eingangs genannten vier Werthaltungen (instrumenteller Wert, inhärenter Wert, intrinsischer Wert, Eigenwert) nicht mehr je gesondert vertreten oder verworfen werden, sondern sind gemeinschaftlich „wahr“. Durch die Berücksichtigung von Allem was ist, wird darüber hinaus die Wertigkeit als Grundlage moralischen Bezuges relativiert (oder auf eine „höhere“ Ebene gehoben) durch das Sein an sich.
Wenn in holistischer Ethik alles gleichermaßen ethisch relevant ist, bedeutet das allerdings nicht, dass alles gleich sei. Der holistischen Ethik geht es nicht nur, aber auch um den Schutz des Ganzen zugunsten des Menschen (denn auch er ist schützenswerter Teil des Ganzen), nicht um eine blinde „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ und nicht um eine vermeintliche übergeordnete Zweckerfüllung, die zwangsläufig nur aus beschränkter menschlicher Sicht angenommen werden kann. Gerade die Vielfalt der Holons im Bewusstsein eines Ganzen drängt in der holistischen Ethik danach, auch die Eigenheiten der Teile zu berücksichtigen, was für den Menschen bedeutet, auch sein ethisches Empfinden und Bewusstsein zu entwickeln und zu schulen, sich von irrationaler Willkür zu lösen und das, was den Menschen (u.a.) ausmacht, die Befähigung zu Vernunft, Intellekt, Systemberücksichtigung, Sozialbewusstsein, differenzierter Emotionen und Glück zu nutzen statt zu übergehen.
Oder um es – noch einfacher – mit der Bedeutung des grundgesetzlichen Gleichheitssatzes auszudrücken: Wesentlich Gleiches darf nicht willkürlich ungleich behandelt werden, und wesentlich Ungleiches darf nicht willkürlich gleich behandelt werden. Unterscheidungskriterium und Maßstab kann dabei nicht allein der Mensch sein, sondern im Bewusstsein der Verbundenheit und Einbettung in einem Ganzen müssen rational und emotional geprüft erfüllbare und umsetzbare Kriterien gefunden werden, die nach Allgemeingültigkeit strebend Basis für menschliches Handeln sein können, muss dabei ein Bewusstsein entwickelt werden, das den Widerspruch zwischen humanem Anspruch und faktischer Realität von Krieg, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit usw. aufzulösen in der Lage ist.
Eine Bedienungsanleitung für den Alltag
Hier bin ich nun also an einem Punkt angelangt, an dem die ethische Positionierung (der holistischen Ethik) meinem spirituellen Empfinden wohl am nächsten kommt (wobei mir natürlich klar ist, dass die genannten ethischen Grundpositionen natürlich eine Schematisierung bedeuten). Aus der mystischen Erfahrung des Einen nehme ich etwas mit, das mich von „Bruder Mond“ und „Schwester Sonne“ reden lässt, so wie einst auch Franz von Assisi und mit ihm so viele andere dies schon taten. Mit dem entsprechenden Nachdenken über meine Moral, also im Beziehen einer ethischen Position, habe ich eine Basis für mein Handeln im Alltag. Bei dem, was ich tue, kann ich mir nun auch verstandesmäßig bewusst machen kann, warum ich es tue, kann es ethisch einordnen, kann bewerten, ob es für mich auch schlüssig ist – spirituell wie rational – und kann Lösungen suchen, so weit es geht. Denn wenn mir klar ist, dass mein Handeln unweigerlich auch meinen Verstand in Anspruch nehmen muss, dann kann ich nur so widersprüchliches Handeln vermeiden. Wenn mir die Mücke heilig ist, wie könnte ich sie dann erschlagen? Wenn mir der Baum heilig ist, wie könnte ich ihn dann fällen? Wenn mir die Beziehungen der Lebensformen heilig sind, wie könnte ich sie dann stören? Dann muss mir aber auch bewusst werden, bewusst sein und bewusst bleiben, dass ich immer wieder etwas tue, was dem widerspricht. Es genügt eine Autofahrt, um unzählige Brüder und Schwestern zu töten, von der Mücke über den Schmetterling, und das ökologische Gleichgewicht zu stören, durch Produktion schädlicher Abgase, durch Inanspruchnahme von Landschaft und Natur für die Straße, usw.
Das ist der erste Schritt, meine Spiritualität auch im Leben umfassend zu verwirklichen: Indem ich mir bewusst mache, was ich tue und wo ich hin will. Und das eben nicht nur in Bezug auf meinen Nächsten, sondern radikal gänzlich. Dabei hilft mir die Teilnahme am ethischen Diskurs, sei es nur im eigenen Kopf oder weitergehend, statt nur von Hürde zu Hürde zu stolpern, denn die Ethik schafft abstrahierend den Rahmen, in dem sich meine konkreten Schritte begutachten lassen.
Probleme der Problemlösung
Eingangs schrieb ich bereits, dass Leben immer auf Kosten von Anderen und Anderem geht. Wie also kann ich eine holistische Ethik mit Leben erfüllen?
Auch die ethischen Positionen betrachte ich insoweit holarchisch. Die holistische Ethik umfasst den Biozentrismus, welcher den Pathozentrismus umfasst, welcher in gewisser Weise seinerseits wiederum auch den Anthropozentrismus umfasst. Das Durchlaufen dieser Positionen spiegelt nicht nur meine eigene Entwicklung wider, sondern hierauf kann ich praktisch aufbauen: Nichts tun, was Menschen schadet. Vom respektvollen Umgang bis zum Pazifismus. Der Pathozentrismus führt mich in ein veganes Leben – Schutz allen empfindungsfähigen Lebens, sei es Tier, sei es Mensch. Der Biozentrismus hemmt mich, meinen Gartenweg von pflanzlichem Leben zu befreien, das allgemeinhin „Unkraut“ genannt wird – Schutz allen Lebens: Pflanze, Mensch, Tier. Der Physiozentrismus lässt mich unnötige Autofahrten vermeiden und bremst meinen Konsum. Und so weiter.
Aber bereits hier beginnen Probleme. Mein Nachbar erwartet, dass ich die Hecke nicht zu hoch werden lasse, so dass er keine Sonne mehr auf seiner Terrasse hat. Und natürlich dienen mir Pflanzen zum essen (Fruganer sind hier weiter als ich). Oft lässt sich hier allein logisch-argumentativ dann nicht mehr entscheiden. An einer Situationsethik kommt wohl auch niemand herum, der sich bewusst ethisch positioniert. Dennoch hilft auch hier der Verstand, sich Lösungen zumindest zu nähern, oder tragbar zu machen.
So schlägt zum Beispiel der Ethiker Paul W. Taylor Prioritätsregeln vor, in denen alle Lebewesen zwar einen gleichen Eigenwert haben, aber unterschiedliche inhärente Werte:
- Prinzip der Selbstverteidigung,
- Prinzip der Verhältnismäßigkeit,
- Prinzip des kleinstmöglichen Schadens,
- Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit,
- Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.
Eine andere Möglichkeit: Die alte asiatische Religion des Jainismus, die den bekannten Gedanken der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) geprägt hat und deren Ethik vielleicht bereits als eine holistische bezeichnet werden kann, verweist hier aus ihrem spirituellen Kontext heraus in verstandesmäßiger Umsetzung auf die „Sinnzähligkeit“, auf den Grad sensorischer Wahrnehmung, bei gleicher Wertigkeit aller Seelen, die im Kreislauf der Wiedergeburt ihre persönliche Entwicklung durchlaufen. So verfügen Pflanzen nur über den Tastsinn. Es folgen Mikroorganismen und kleine Tiere mit zwei, drei oder vier Sinnen, dann Lebewesen mit fünf Sinnen. Die höchste Entwicklungsstufe der Tiere und Menschen verfügt schließlich auch über Rationalität und Intuition.
Es gibt für mich folglich keinen Grund zur Resignation.
„Aber das ist doch kein Leben mehr…“
Das alles klingt für viele Menschen danach, als würde das Leben wahnsinnig kompliziert, voller Hemmungen, Beschränkungen und Entbehrungen. Nein, so ist es für mich nicht. Meine Lebensqualität und mein Glück hängen nicht davon ab, dass ich Thunfisch esse, das neueste Handy besitze, die Wege „unkrautfrei“ halte oder bei Regen nicht nass werde. Meine Spiritualität macht mich ein gutes Stück unabhängig von Besitzdenken, Bequemlichkeitsstreben und Anpassungszwängen, ohne dass ich deshalb ein einsamer Griesgram würde, der nicht genießen kann. Und das geht sicherlich vielen spirituellen Menschen so. Allerdings gestehe ich, dass ich weit mehr lassen könnte, als es der Fall ist. Oft komme ich mir wie ein Heuchler vor, wenn ich überhaupt so etwas sage, wie in diesem Artikel, denn viel zu schwach bin ich… Es bedeutet auch nicht, bei jeder Kleinigkeit mühsam großes Nachdenken zu beginnen. Der Prozess der Bewusstmachung ist wie Klavierspielenlernen – es entwickelt sich so etwas wie eine “Motorik”.
Schlusswort
Nochmals zur Erinnerung: ich schreibe hier nur meine bescheidene Sicht nieder. Dennoch möchte ich mir zum Schluss so etwas wie ein kleines Plädoyer erlauben.
Jedes ethische System ist – das versteht sich aus sich heraus – von Menschen gemacht und kann auch nur vom Menschen her verstanden werden. Doch auf dieser epistemischen Ebene wird noch keine Bewertung vorgenommen, ob und inwieweit der Mensch höher (oder niedriger) als andere Lebewesen einzustufen ist, wird noch nicht bestimmt, was uns Objekt moralischer Verpflichtung sein soll.
Die Epistemologie ist zwangsläufig auf den Menschen bezogen, weil sie danach fragt, wie wir von etwas wissen können, welche Wahrheitsbegriffe und Kriterien uns als verlässlich gelten können, was Wissen und Gewissheit bedeuten. Übergänge in und Schnittmengen mit ontologischen Betrachtungen, die nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragen, mögen sich zwar ergeben, doch diese Grundebene bleibt lediglich letztlich unumgängliche Perspektive. Erst auf einer weiteren Ebene, die sich aufwärtskausal aus der Grundebene ergibt, fließen Bewertungen und damit moralisch relevante Kriterien ein, eröffnet sich das Feld der Ethik, die danach fragt, wie wir handeln sollen – und in Rückkoppelung zur Grundebene gleichzeitig sich bestimmt, warum wir so (oder anders) handeln sollen. Das Potential der so gewonnenen ethischen Position zur bewusstseinsgebundenen Weiterentwicklung und der Erfolg (oder das Scheitern) der Wechselwirkung mit dem Gesamtsystem wirken schließlich (abwärtskausal) quasi falsifizierend resp. verifizierend oder das Denken umstrukturierend zurück auf die Epistemologie. Selbstverständlich gilt das auch für religiösen Glauben und spirituelle Erfahrung, soweit man heute noch gestattet, hier von Epistemologie und Ontologie zu sprechen.
Die ethische Orientierung des Menschen ergibt sich zwangsläufig aus den Strukturbeziehungen der Gesamtstruktur - welche in der Zeit evolvierte Grundveranlagungen, Kultur und Ökologie selbstverständlich einbezieht - und wirkt im Handeln des Menschen und den sich daraus ergebenden Folgen zurück auf die Gesamtstruktur, deren Teile und Beziehungen. Ethik epiphänomenal zu betrachten, greift daher zu kurz. Die Befähigung zur Ethik ist eine Emergenz, die epistemologisch den Menschen herausfordert und stets erneut seine Kriterien und Bewertungen hierzu in Beziehung setzen muss. Es bedarf letztlich einer eigendistanzierten Betrachtung, um argumentationstheoretisch die Stringenz ethischer Positionen einzuschätzen, welche schließlich bestimmen, was uns die Objekte moralischer Verpflichtung sein sollen.
Ethik stellt also zwar ein menschliches System dar, von ihm gemacht und von ihm her zu verstehen, aber sie darf nicht ausschließlich auf ihn hin verstanden werden.
Mit einfacheren Worten: Wenn wir also allgemeingültig etwas beurteilen wollen, was gut und was schlecht sei, tun wir gut daran, es sozusagen aus „höherer Warte“ und stets mit dem Blick auf das Ganze zu tun. Das umfasst auch die Vergangenheit und die Zukunft, ebenso die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft nach dem Menschen. Dass wir überhaupt Lebewesen sind, die sich ethische Gedanken machen können, ist ein phänomenales Wunder, das nicht zufällig ist, sondern Gründe hat, und das ich würdigen möchte. Der Mensch steht nicht über der Welt, sondern ist aus und in ihr in Raum und Zeit geworden. Nur wenn er sich wirklich so begreift, wird er sein Handeln bewusster wahrnehmen und ethisch reflektieren können. Das ist das Potential und die Chance einer Spiritualität, wie nicht nur ich sie erlebe. Spiritualität leben, ganz und gar, wenn auch nicht als Vollkommenheit, sondern als ein Unterwegssein, das ist etwas, was mich auch ganz und gar fordert, mit Herz und Verstand.
Du bist nicht getrennt von dieser Welt. Sie ist nicht einfach um dich herum, nicht nur oder nicht nur gleichberechtigt neben dir, sondern du bist Teil dieser Welt. Ein Teil, der mit allen anderen Teilen erst das Ganze bilde, das noch viel mehr ist als wir wahrnehmen oder erahnen können. Ohne deinen Bruder oder ohne deine Schwester ist es eine andere Welt. Ohne dich ist es eine andere Welt. Ohne diese Landschaft oder ohne jene Tierart ist es nicht mehr diese Welt. Ohne diesen Stein und ohne dieses Schwein ist es nicht mehr diese Welt. Es ist nicht gleichgültig, was mit einem Teil geschieht. Und das hängt nicht davon ab, ob es dir nun etwas einbringt oder nicht. Auch du bestimmst das Ganze mit wie das Ganze auch dich bestimmt. Was du fühlst, was du denkst, was du tust, reicht über dich hinaus. Du bist ein transzendentes Wesen.
Aber wie gesagt, das ist nur meine Sicht der Dinge.
Manchmal musst du in deinem Leben an einen bestimmten Punkt deiner Geschichte zurückkehren, um weiterzukommen. Wenn alles einigermaßen gut läuft, wandert so das Lesezeichen in dem Buch deines Lebens immer weiter nach hinten.
Doch das gelingt nicht jedem und nicht immer. Für manche Menschen verbleibt das Lesezeichen immer an der selben Stelle. Ihr Lebensbuch wird älter und älter, doch die Geschichte darin stockt jedesmal an diesem einen Punkt. Es geht nicht weiter, und es beginnen keine neuen Geschichten. Nicht selten bleibt das Buch irgendwann ganz geschlossen und wartet nur noch auf den endgültigen Verfall.
Haben diese Menschen ihr Leben vertan? Haben sie ihre Chancen verspielt? Haben sie versagt und sind gescheitert?
Es entspricht unserem Zeitgeist, das zu bejahen. Man ist heute leistungsstark, erfolgsorientiert und selbstverständlich stets seines eigenen Glückes Schmied. Doch meist werden hier nur Menschen mit leichtfertigen Ratschlägen und manchmal Vorwürfen laut, die zwar auch ihre Krisen kennen, jedoch nie wirklich am Boden gekrochen sind. Menschen, die nie völlig zerbrochen wurden.
Ich glaube, dass niemand ein Recht hat, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
Manche Menschen haben das Glück, dass in einem solchen Fall ihr Buch gleichzeitig ein spirituelles Buch ist. Die Stelle, an der das Lesezeichen in ihrem Buch des Lebens steckt und an der sie nicht weiterkommen, kann dann eine ganz andere Bedeutung für sie bekommen. Und selbst wenn das nicht so ist, so ist doch möglicherweise etwas ganz anders. Vielleicht markiert ihr Lesezeichen ja sogar jene Stelle, an der Alpha und Omega auf einer einzigen Seite, in einem Satz, in nur einem Wort zusammenfallen.
Wenn es dir so geht, dann wirst du zwar vielleicht nie erfahren, wie die Geschichte im Buch deines Lebens hätte weitergehen können, jedoch brauchst du dann nur kurz die Augen zu schließen; ein einziger Atemzug, und die Rückkoppelung ist da. Du hast deine Religio gefunden.
Lasse davon nicht ab. Höre nicht auf jene, die dir sagen, du sollst das Lesezeichen herausnehmen und an anderer Stelle lesen. Höre erst recht nicht auf jene, die unruhig hin und her blättern und dir dabei verkaufen wollen, so sei das nun mal, die Suche würde nie enden.
Wenn für dich dein Atem zum Lesezeichen wird, wenn ein kurzes Schließen der Augen genügt, um genau jene Seite deines spirituellen Lebensbuches aufzuschlagen, an der dein Seelengrund das Absolute berührt, dann lege das Buch zur Seite. Du brauchst es nicht mehr. Denn was darin steht, ist nun in dir. In der Unruhe deiner Zerbrochenheit schenkt dir in jedem dieser Atemzüge Gott seinen Frieden.
Auch mit dem Buch deines Lebens könntest du das versuchen. Du könntest es zur Seite legen. Denn die Stelle, die dein Lesezeichen unverrückbar markiert, kennst du ohnehin bereits in- und auswendig. Überlasse es dem Wind, eine andere Seite aufzuschlagen, und wenn er mag, sogar das Lesezeichen hinfort zu wehen.
Und sollte es nicht so kommen, dann atme. Atme einfach.
Lieber Herr Gott,
ich danke für Ihr in mich gesetztes Vertrauen, doch bedaure ich Ihnen mitteilen zu müssen, dass in Anbetracht meiner knappen Zeitressourcen derzeit und in noch nicht absehbarer Zukunft ich keine Möglichkeit sehe, auf Ihre wiederkehrenden und neuerlichen – noch ungeprüften – Angebote näher einzugehen.
Die Rahmenbedingungen meiner beruflichen Aufgaben erfordern ein straffes Zeitmanagement bei umfänglicher Konzentration auf die zahlreichen, höchst dringlichen und möglichst zeitgleich, dabei multimedial zu erledigenden Angelegenheiten auf sachlicher und kommunikativer Ebene, welches mir anderweitige mentale Zuwendung strikt verunmöglicht.
Sie werden verstehen, dass das jeweils schmale Zeitfenster außerhalb der beruflichen Aktivitäten dementsprechend lückenlos ausgefüllt ist mit umfangreichen und unumgänglichen Pflichterfüllungen wie Haushaltsführung, Steuererklärung, Rechnungszahlungen oder Versicherungsstreitereien, nach deren Erledigung zu meinem Bedauern keine körperlichen und geistigen Ressourcen für eine angemessene Beschäftigung mit der von Ihnen angetragenen Thematik mehr verbleiben.
In Ermangelung eines Spielraumes in der Setzung der Prioritäten bitte ich um Ihr Verständnis.
Mit freundlichen Grüßen
S.
Die großen mystischen Erfahrungen
Es sind die großen mystischen Erfahrungen, die zumeist im Mittelpunkt der Rede über Mystik stehen oder als Ziel des meditativen bzw. kontemplativen Weges gelten. Bereits an anderer Stelle war in diesem Blog die Rede davon, dass ich hierzu eine andere Sichtweise vertrete, dass diese großen Erfahrungen des Eins-Sein-mit-Allem, der unio mystica usw. erst ein Anfang sind. Um zu verstehen, worauf ich im Folgenden hinausmöchte, muss man sich zunächst noch einmal bewusst machen, dass die großen mystischen Erfahrungen nichts damit zu tun haben, sich etwas vorzustellen, zu erdenken, zu erfühlen oder zu spüren, sondern dass sie ein Erleben sind (vgl. hierzu den Artikel “Entgrenzung” und die Schilderung von Jill Bolte Taylor). Wer solche Erlebnisse hatte (oder wiederholt hat), wird nicht selten verändert, vielleicht sogar ein neuer Mensch. Zweifellos: In den großen mystischen Erfahrungen liegt ein starker Impuls.
Worum geht es in der Mystik?
Doch worum geht es in der Mystik? Geht es nur darum, im stillen Kämmerlein tolle Erfahrungen zu machen? Geht es darum, “erleuchtet” zu werden? Gar von anderen als ein “Erleuchteter” erkannt oder angesehen zu werden? Nun, es soll legitim sein, die Antwort darauf als Ansichtssache gelten zu lassen. Soviel Freiheit dürfen wir uns zutrauen, uns von jedem “muss” in Fragen der Mystik zu lösen. Für mich aber ist es unausweichlich, dass die Erfahrung Gottes (oder “Gottes”) überwältigend danach drängt, das gesamte Leben zu durchwirken. Ob meinem kleinen, beschränkten, dummen Ich es am Ende auch gelingt, diese umfassende Durchwirkung zuzulassen, ist dabei eine andere Frage; aber diese Frage zeigt auch, dass die große mystische Erfahrung erst etwas in Gang setzt, nicht das Ende, sondern der Beginn eines Weges ist (oder sein kann).
Die Bedeutung der Mystik für die eigene Person
Die “Erkenntnisse” der großen mystischen Erfahrungen sagen in gewissem Sinne etwas darüber aus, wer oder was ich im Ganzen bin. So paradox es klingen mag: Sie sind auf der einen Seite zutiefst identitätsstiftend, und auf der anderen Seite ich-lösend. Es geht also “irgendwie” nicht um mich, und dennoch “irgendwie” auch um mich. Es dürfte in der Bewusstseinsschulung von einiger Bedeutung sein, weder das eine noch das andere überzubetonen, noch es zu vernachlässigen, um nicht entweder zu einem “Erleuchtungsegozentriker” zu werden, oder aber in totaler Selbstvernachlässigung das Leid der ganzen Welt auf den Schultern zu tragen. Dieses genannte Paradoxon löst sich allerdings nicht durch einen Balanceakt zwischen Egoismus und Altruismus, sondern durch einen Bewusstseinsvorgang der sukzessiven Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze.
Die “kleine Mystik”
Mehrfach war bis hier nun von den “großen mystischen Erfahrungen” die Rede. Diese Begriffswahl macht natürlich nur in einer Relation Sinn, wenn es also auch eine “kleine Mystik” gibt. Den Begriff der “kleinen Mystik” gebrauche ich für die Vielzahl – oft verwirrender – mystischer Erfahrungen, besser: Wahrnehmungen, die dem Mystiker zumeist im “Alltag” begegnen, wenn er sich nicht nach seiner großen mystischen Erfahrung für ”statisch erleuchtet” hält, sondern auf den eingangs genannten Weg gemacht hat. Der Begriff der “kleinen Mystik” meint dabei nicht, dass diese Erfahrungen geringere wären; vielmehr sind sie solche subtiler Art.
Eine subtile Differenz
Wo ist der Unterschied, ob jemand eine Blume nur einfach wunderschön findet, vielleicht (dadurch) eine Verbundenheit mit ihr und Ehrfurcht spürt, oder ob jemand Gott in der Blume und die Blume in Gott erkennt?
Nun, ein Nicht-Mystiker, vielleicht ein Atheist, wird sagen: Es gibt keinen Unterschied. Der Mystiker spricht lediglich im Rahmen seines Glaubenskontextes von seiner Bewunderung für die Blume. Er verwendet pathetische Begriffe, die ein anderer nicht verwendet.
Manche Mystiker hingegen werden sagen: Nur in den großen mystischen Erfahrungen lässt sich Gott in der Blume und die Blume in Gott erkennen. Alles andere ist eine unzulässige Aufweichung des Begriffes der Mystik. Die Bewunderung für die Blume hat nichts mit Mystik zu tun.
Ich aber sage: Es gibt einen Unterschied, und es gibt keinen Unterschied. Entscheidend, unterscheidend ist die Einbettung in das durch die “großen” mystischen Erfahrungen initiierte Bewusstsein ein und derselben (!) Bewunderung für die Blume. Es ist die Wahrnehmung des Mystikers, die subtile Wahrnehmung, die aufzubrechen beginnt auf dem Weg der sukzessiven Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze.
Gott in Allem
Was folgt nun aber daraus?
Mystiker, die klar trennen zwischen dem Alltagserleben und den mystischen Erfahrungen in der Versenkung in die Stille, sind darauf angewiesen, dass ihr Verstand die Arbeit der Durchwirkung mystischer Erfahrung in der Gesamtheit des Lebens übernimmt. Sie wissen, dass “alles eins” ist, aus der Erinnerung an die mystische Einheitserfahrung heraus, und koppeln ihr Denken und Handeln an dieses Wissen an. Sie erdenken dann ihr Einssein mit der Blume, erleben es jedoch nicht im Moment der Bewunderung ihrer Schönheit, so dass sie erkennen (müssen), dass die Bewunderung nichts unmittelbar mit Mystik zu tun hat.
Lässt der Mystiker aber davon ab, dass Gott ihn berührt, und lässt er die “ständige Berührung Gottes in allem” zu, beraubt er sich also durch das bewusste Gehen dieses Weges jeglichen Exklusivitätsanspruches, indem er sein Bewusstsein schult auf die Einbettung des eigenen Selbst in das als Eines erkannte Ganze, dann beginnt sich seine Wahrnehmung auf seltsame Art zu verwandeln. Plötzlich sieht er, wie des Atheisten Bewunderung für die Blume die Nähe Gottes ist. Und er nimmt wahr, wie überdeutlich Gott aufleuchtet in Menschen, die einen Walzer tanzen. Nein, er denkt und spürt dies nicht, er schaut es. Und plötzlich wird ihm klar: Wenn ein Mensch ganz innig ein Lied singt, dann ist das zutiefst ein Akt der Mystik, eine Vereinigung des Menschen mit Gott; selbst dann, wenn dieser Mensch allen Gottesglauben weit von sich weisen würde.
Das Ende “echter” Mystik?
Auf den ersten Blick scheint diese Äußerung gefährlich, und tatsächlich in eine Aufweichung des Begriffes der Mystik zu münden. Alles mögliche ließe sich schließlich als mystischer Vorgang bezeichnen. Diese Sorge habe ich längst verloren. Wie wir etwas bezeichnen, ist mystischer Wahrnehmung völlig egal, wenn sie das eigene Selbst in das als Eines erkannte Ganze einzubetten begonnen hat, und sich löst von den Abgrenzungen. Begrifflichkeiten dienen ihr bestenfalls noch als Brücken zu unserem Verstand, als Krücken zur Kommunikation. Wichtig ist exakte Rede vermutlich als Hinführung zur Mystik, dann aber nicht mehr.
Ob die “kleine Mystik” also als ”echte” Mystik gelten darf oder nicht, hängt davon ab, welche Wahrnehmung wir auf unserem Weg erlangt haben, ob wir wir die Geschehnisse der “kleinen Mystik” als solche uns vorstellen (oder nicht), denken (oder nicht), erfühlen und spüren (oder nicht), oder ob wir sie als “Geschehen Gottes” erleben. Wenn wir dann aber es so erleben, dann wird es gleichgültig, ob jemand eine Blume nur bewundert, oder sagt, er würde Gott in der Blume erkennen. Beides ist dann Mystik, weil der so Wahrnehmende als ein in das als Eines erkannte Ganze eingebettetes Selbst schaut.
Nur eine mögliche Sicht
Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um Wertungen, nicht darum, was falsch oder richtig ist, nicht darum, was besser oder schlechter sei, nicht darum, wer “weiter” sei und wer nicht. Diese Zeilen spiegeln eine mögliche Sicht, welche sich im Beschreiten eines Weges entwickelt hat. Ob es mir überhaupt hier gelingt, auszudrücken, was ich sagen möchte, erscheint mir fraglich. Sehr lange schon trage ich diese Gedanken mit mir, ohne dass ich mich an eine Formulierung getraut hätte. Dazu fehlt mir letztlich eine ausreichende Befähigung; doch schließlich ist mir das zu wichtig, um nicht darüber zu sprechen.
Auch ob die “großen” mystischen Erfahrungen nun stets erforderlicher Ausgangspunkt dieses Weges sind, oder ob die “kleine Mystik” auch umgekehrt zu den “großen” mystischen Erfahrungen hinführen kann, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir jedoch ganz wichtig festzustellen, dass die “kleine Mystik” – auch im Erfühlen und Erspüren ! - eine ganz große Bedeutung in gelebter Spiritualität hat. Die “kleine Mystik” ist mir persönlich mittlerweile sogar wichtiger geworden als die “großen” mystischen Erfahrungen. Denn diese letztgenannten finden in der “kleinen Mystik” erst ihre eigentliche Verwirklichung im alltäglichen Leben – Gott in Allem und Alles in Gott. Es ist die “kleine Mystik”, die am Ende den Weg in das Durchwirken der Erfahrung Gottes in allem Alltag eröffnet – ein Weg, der wohl nie endet, einfach weil ich nicht vollkommen bin, sondern schwach und fehlerhaft.
Aber wenn ein Atheist die Schönheit einer Blume bewundert, dann leuchtet Gott auf. Wenn ein Mensch weint, weil er einem Tier nicht helfen konnte, dann sehe ich Gott wirken. Wenn ein Mensch innig singt, dann sehe ich seine Vereinigung mit Gott. Immer wenn wir unsere Herzen öffnen, dann wird er sichtbar. Ob wir das nun so nennen oder nicht: Ich sehe es.
Den größten Teil meiner Bücher hatte ich bereits vor einigen Jahren in Kartons verpackt und auf den Dachboden gebracht. Der Platz in meinem Zimmer reichte damals einfach nicht mehr aus. Gestern machte ich mich endlich daran, auch noch die übrigen Bücher nach oben zu bringen. Nur wenige, vielleicht fünfzig, behielt ich im Wohnbereich - Bücher, die ich dann doch öfters mal in die Hand nehme.
Ich kam nicht umhin, mich zwischendurch auf den Fußboden zu setzen und in dem einen oder anderen Buch zu blättern. Dabei fand ich auch einen Essay, der auf losen Blättern zwischen den Büchern steckte. Mein Name stand darunter. Offenbar hatte ich ihn vor vielen Jahren geschrieben, als ich noch praktizierender Katholik war. Er trug die Überschrift “Das Kreuz als Negativ des schlechten Gewissens”. An kaum ein Wort konnte ich mich erinnern. Wer war das, der das geschrieben hatte? Wer war ich?
Überraschend und überdeutlich wurde mir etwas klar…
Wieviele Bücher waren das, die ich da gelesen hatte? Eintausend, zweitausend? Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, vor allem aber und weit überwiegend Sachbücher: Naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche, Kosmologie, Astronomie und Geologie, Quantenphysik, Biologie und Ethologie, Kunst und Musik, Philosophie, Religion und Theologie, Soziologie und Politik, … Bücher, die die Welt erklären, den Menschen, das Leben. Verschlungen habe ich sie. Ich habe Erkenntnis gesucht, und Wissen angehäuft.
Was hat es mir gebracht?
Nichts.
Jedenfalls nicht viel, und nichts Wesentliches. Sicher, es hat Spaß gemacht, das Lesen. Einen Großteil dieses Wissens werde ich heute wohl vergessen haben. Aber so oder so: All dieses Wissen hatte mich nicht davor bewahrt, selbst leben zu müssen, Schläge hinzunehmen, Traumata zu kassieren, Jahre meines Lebens am Boden kriechend verbringen zu müssen. Und all dieses Wissen hat mir nicht dabei geholfen, wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Es hat nicht die Tiefen meines Lebens bestimmt, und nicht die Höhen meines Lebens. Es hat mich nicht zu dem gemacht, was ich heute bin. Das nämlich war etwas ganz anderes.
Schon als Jugendlicher war ich an Theologie interessiert. Aber als ich 19 Jahre alt war, erhielt ich den ersten großen Schlag in meinem Leben, und gleichzeitig begann meine Spiritualität aufzubrechen. Nun saß ich da auf dem Fußboden, und mir ging durch den Kopf, was sich in den Jahren danach alles ereignet hatte. Es war diese Spiritualität, die mich das alles hat durchstehen lassen, die mich geformt hat. Und auch das ist ein Grund, dass sie heute für mich alles andere ist als bloße Deko des Lebens. Ich blätterte in den Büchern, die mir damals so wichtig waren. Es las sich alles so schlau, was ich da aufschlug. Doch der eine schrieb dies, der andere jenes. Der eine lobte Gott, der andere widerlegte ihn. Der eine fasste die existenzielle Wahrheit der Mystik in Worte, der andere entlarvte sie als lediglich neuronales Programm.
“Was soll das?” fragte ich mich. Ich verstand es nicht mehr.
Natürlich, auch die Bücher haben dazu beigetragen, dass ich heute keinem “Kindergartenglauben” mehr anhänge, wie der Theologe Hans Küng das nennt, dass ich “aufgeklärt” und kritisch an die Fragen der Religionen und der Spiritualität herangehe. Aber: Wäre ich heute wirklich ein anderer, wenn es ein “Kindergartenglaube” gewesen wäre, der mich durch all dies hindurchgetragen hätte? Daran zweifelte ich, so zwischen den verstaubten Büchern auf den Holzdielen sitzend. Auch in einen naiven Glauben hätte ich meine Spiritualität einbetten können, hätte genausoviel falsch, genausoviel richtig gemacht, hätte infragegestellt, wäre meinem Instinkt für gut und böse gefolgt. Und glaubte ich in “aufgeklärtester Weise”, dass Spiritualität nichts weiter als ein evolutionäres Überlebensprogramm ist, um die Krisen und Schläge des Lebens zu meistern, wäre ich dann besser durchgekommen? Wäre ich dann heute glücklicher? Nein, denke ich, nur mein Glaube wäre ein anderer; ein Glaube an das Wissen, das doch für das Leben selbst letztlich genauso ohnmächtig ist wie das Nichtwissen. Ein wesentlicher Teil meines Wesens aber wäre abgeschnitten. Das “Licht”, das in der Spiritualität aufscheint, und im Glauben nur seine Fassung erhält, ist eben wie ein Magnet. Es kommt nicht darauf an, ob ich eine polierte Büchse, oder ein rostiger Nagel bin.
Glaube, ob nun religiös, areligiös oder antireligiös, ist nur wenig eine Sache des Rechthabens.
Immer habe ich mich und meinen Glauben kritisch hinterfragt. Ich bin dessen müde. Immer hatte ich in die Menschen ungewöhnlich großes Vertrauen. Das Leben hat es mir längst genommen. Ich will wenigstens und endlich meinem Glauben ganz vertrauen. Keine noch so schlaue wissenschaftliche Philosophie kann Gott in mir töten. Und keine noch so schlaue Theologie kann Gott in mir hervorbringen. Das kann nur das Leben, so wie es durch mich lebt.


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