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Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die “Modellhaftigkeit” unserer Kognition bis hin zu Metzingers “Ego-Tunnel”: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch “objektive Wirklichkeit” nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein “korrigiertes” Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser “Ich”, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen “wir wissen”, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein “echtes” Wissen über die “objektive Wirklichkeit” außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntniss muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche “Wahrheitssuche” damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches (“Objektives”) über eine “objektive Wirklichkeit” aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die “objektive Wirklichkeit”, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, “Objektives”) sagen, weil wir über die “objektive Wirklichkeit” nichts Letztliches (“Objektives”) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort “Gott” benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort “Rot” benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von “Rot” als etwas “objektiv Objektivem” reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas “objektiv Objektivem” sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der “Offenbarungen”, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder “nur” Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das “biologische Sehen”, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein “optisches” (beschränktes) Modell von “Wirklichkeit”. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine “Umwandlung” von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder “nur” Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff “Rot” verzichtbar wäre, oder man “rot” künftig auch “blau” nennen könnte. Die “Qualia Gott” ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine “Qualia Gottes” kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) “objektiven Wirklichkeit Gott” außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese “objektive Wirklichkeit”. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‘zwei Gott’ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von “Wahrheiten” sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

“Eine Unendliche Einheit. Erfahrbar durch die universelle göttliche Weisheit.
Geliebter. Mein geliebter Schöpfer. Du bist mir immer ganz nah. Mein Geliebter.
Wertvoller als das (körperliche) Leben bist Du mir. Mit meinen (inneren) Augen habe ich Dich erkannt. Du, der mir wertvoller bist, als das (körperliche) Leben.
Mit meinen (inneren) Augen habe ich Dich unermesslich liebenden Schöpfer erfahren. Du, der immerfort bei uns bist. Doch die, die Dich nicht erkennen, können nicht von Dir kosten.
Betäubt von der materiellen Welt, geben sie sich dem alltäglichen Tratsch hin. Und erfahren Dich wegen der oberflächlichen Täuschung nicht.
Nanak sagt, ohne die göttliche Weisheit ist kein Erkennen des uns nahe stehenden Geliebten möglich.”

Guru Granth Sahib (Heilige Schrift der Sikh), Fünfter Guru Arjan

Im Original vereint der Begriff “Schöpfer” Männliches und Weibliches. Im Deutschen ist eine geschlechtsneutrale Übersetzung nicht ohne weiteres möglich.

“Niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, das Gott nur „so“ ist und nicht anders. Er ist formlos und andererseits hat er Formen. Für den Bhakta nimmt er Formen an — für den Jnani ist er ohne Form.

Brahman, absolutes Sein-Bewusstsein-Seligkeit, ist wie ein uferloser Ozean. Im Ozean entstehen bei starker Kälte hier und da Eisschollen. Ähnlich nimmt das Unendliche endliche Formen an, sozusagen unter dem kühlenden Einfuss der Hingabe des Gottesverehrers, und erscheint vor ihm als Göttliche Person. Doch wie beim Aufgehen der Sonne die Eisschollen im Ozean schmilzen, so geht mit dem Erwachen von Jnana die verkörperte Gottesform in das unendliche und formlose Brahman auf. Dann hat der Verehrer nicht mehr das Gefühl dass Gott eine Person ist, noch hat er dann Visionen von Gottes Formen.

Doch vergiss nicht: Form und Formlosigkeit gehören ein und derselben Wirklichkeit an.”

Ramakrishna Paramahamsa (1836-1886, hinduistischer Mystiker)

Wusstest du, dass Gott sich immer mehr aus dieser Welt zurückzieht, weil es ihm dort zu laut geworden ist? Er hat nämlich sehr empfindliche Ohren. Schon wenn ich den Rasenmäher aus dem Schuppen hole, sieht er mich vorwurfsvoll an. „Habe ich dir das Gras nicht schön genug erschaffen, dass du es regelmäßig abschneidest?“.  Oder wenn ich mich in das Auto setze, was selten genug vorkommt, dann seufzt er diplomatisch: „Wozu habe ich dir zwei Füße gegeben? Ist dir mal aufgefallen, dass du langsam ein Bäuchlein ansetzt?“ („Recht hast du, Gott. Aber heute muss ich zwei Sack Zement kaufen.“ „Ach so.“). Über Flugzeuge allerdings braucht man mit ihm gar nicht erst zu diskutieren. Naja, in manchen Dingen ist er halt sehr resolut. Das darf er natürlich auch, er ist schließlich Gott.  Musik mag Gott schon, aber wenn rund um die Uhr das Radio dudelt, dann wird es ihm doch zu viel. So ähnlich ist es auch mit dem Reden. Austausch zwischen Menschen findet er gut. Geschwätzigkeit mag er weniger. Er mag es auch nicht, wenn Menschen brüllen. Klar, früher hat er das auch manchmal gemacht, wenn er sehr wütend war. Aber das hat er vor etwa 2000 Jahren dann doch aufgegeben. Damals hat man ihm sehr weh getan. Seit dem flüstert er nur noch, wenn er jemanden ruft.

Wenn Gott in dieser Welt unterwegs ist, dann gerne in kleinen Dorfkirchen, Moscheen, Synagogen und anderen Häusern, die man extra für ihn gebaut hat, wenn kaum jemand darin und es still ist. Er mag auch Zimmer, wo Menschen verstummen, um zu beten oder zu meditieren. Krypten findet er ganz klasse. Aber das alles sind mehr so eine Art Verstecke, Orte der Flucht für ihn. Denn am liebsten ist er dort, wo der Gesang seiner gefiederten Kinder nicht von Motorenlärm übertönt wird, er das Trappeln von Mäusefüßen im Moos des Waldbodens und das Brummen fliegender Käfer, das Atmen der Rehe und das leise Rauschen der Blätter noch hören kann. Aber solche Orte werden immer seltener. Und deswegen trifft man ihn in dieser Welt auch nicht mehr so oft ganz unvermittelt an.  

Sein Freund Rumi hat vor acht Jahrhunderten mal ein wunderschönes Gedicht geschrieben:

In dieser neuen Liebe stirb.

Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.

Werde der Himmel.

Reiß‘ ein die Wände deines Gefängnisses.

Entkomme.

Gehe heraus wie jemand,

der unversehens in die Farben geboren wird.

Tue es jetzt.

Dichte Wolken verhüllen dich.

Gleite heraus.

Stirb, und sei still.

Stille ist das sicherste Zeichen,

dass du gestorben bist.

Dein altes Leben war eine rasende Flucht

vor der Stille.

Der stumme Vollmond

kommt nun hervor.

 

Dieses Sterben verschenkt Gott an jene Menschen, die ihm immer wieder den Gefallen der Stille tun. Es ist wunderschön, dieses Gestorbensein. So schön, dass man betet: Gott, lass mich bloß nicht wieder leben. (Da macht Gott allerdings nicht so richtig mit. Er wird seine Gründe dafür haben, die er aber nicht verrät. Schließlich ist er Gott; da muss er auch ein paar Geheimnisse behalten dürfen, selbst wenn manche Menschen damit nicht einverstanden zu sein scheinen.) Dieses Sterben ist eine Gnade. Eine große Gnade, an der wir mitwirken dürfen, wenn wir wollen. In der Arbeit an einer stilleren Welt. Innen wie außen. Und nicht nur in Zimmern und Gotteshäusern. Sondern auch in Gärten und Wäldern, auf den Straßen und in den Städten, in Büros und am Himmel. Wir müssen dafür gar nicht viel tun. Nur manches einfach lassen. Und plötzlich hören wir ein Flüstern…

Danke, Gott.

Nur der Kopf kennt Freiheit,
das Herz kennt sie nicht.

Nur der Kopf nennt Freiheit,
was des Herzens Schwäche ist.

Wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben, dann durchdringt diese Liebe jede Faser ihrer Körper und ihrer Seelen, beherrscht ihre Gedanken und ihre Gefühle, senkt unbändiges Verlangen und eine tiefe Sehnsucht nach dem Anderen in ihr Herz. Sie haben keine Wahl, keine Freiheit, dieses Verliebtsein und diese Liebe in ihren Herzen an- oder abzuschalten.

Nur gelegentlich scheint die Liebe nicht stark genug, das Herz zu schwach, um sich gegen den manchmal überhand gewinnenden Willen des Egos durchzusetzen. Der Verstand wähnt sich frei, beginnt Ansprüche zu stellen und Ungehaltenheit zuzulassen. Doch nach diesen flüchtigen Momenten, in denen das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt, kehrt leise der Klang deines Herzschlags zurück, wie ein Trommler, der beharrlich den Rhythmus deines wahren Seins schlägt, wie laut du dich dagegen auch manchmal wehren magst. Dann erkennst du den Schaden, und bereust. Du hast dir selbst eine Wunde zugefügt, indem du dich auflehntest, die Liebe und den Geliebten verleugnetest, Schaden in Kauf nahmst um eines flüchtigen Vorteils willen zugunsten deines Egos. Doch jede Wunde am Anderen ist auch deine Wunde. Denn in der Liebe beginnen sich die Grenzen zwischen Ich und Du und Wir aufzulösen. Nein, eine wirkliche Wahl, eine Freiheit hast du nicht, dich für oder gegen diese Liebe zu entscheiden. Immer, wenn du dich gegen sie entscheidest, wird es auch dir am Ende schlecht gehen.

So ist es auch mit der Liebe Gottes, die in manchen Momenten eines Menschen Herz weit aufreißen kann und sich dauerhaft manifestiert in der Liebe jenes Menschen zu Gott, in seinem unbändigen Verlangen und der tiefen Sehnsucht nach dem Geliebten. Auch, wenn das Herz immer wieder schwach sein wird, das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt.

Ein von Gott berührtes Herz
wird niemals mehr ein freies sein.

Das ist Dienerschaft Gottes. Nicht aus Zwang, nicht aus religiösem Gesetz oder Gebot, nicht aus freiem Willen. Sondern aus Liebe.

 

 

Du bist der Grund meiner Seele,

Du bist am Grunde meiner Seele,

vielleicht bist Du im Grunde meine Seele.

Dem so, wie im vorangegangenen Artikel beschrieben, Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem.  Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen  (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.

Ein wunderbares Zeichen dafür ist das Visvavajra (tibetisch Dorje, im Bild als Doppeldorje), eines der bedeutungsvollen Zeichen im Osten, in Indien und in Tibet, das für diesen Blog gewählt wurde. Es symbolisiert das Absolute der Existenz, das überall („in allen 4 Himmelsrichtungen“) vorhanden und zu finden ist, auch Shunya, die “Leere”, die höchstmögliche Erkenntnis der menschlichen Wesen, und die Erleuchtung – die höchstmögliche menschliche Entfaltung. Es steht weiterhin für die Vereinigung von Weisheit und Mitgefühl sowie die Verbundenheit des Göttlichen mit dem Irdischen.

Das Visvavajra hat zwar eine besondere Bedeutung für Hindus, Buddhisten, Tibeter u.a., überschreitet jedoch in seiner Bedeutung und seinem Symbolgehalt die Grenzen einzelner Religionen, und wird dementsprechend als Symbol metareligiös verwendet. Unter spirituellen Suchern im Westen ist es auch bekannt als Symbol der Unzerstörbarkeit des spirituellen Wegs – der Suche nach Bewusstheit.

In seiner Kreuzform vereint es zudem das Zeichen des Christentums, in dem das liebende DU des persönlichen Gottes erst möglich wurde, mit der allgemeinen Symbolik der Kreuzesform als Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen (senkrechter Balken) und gleichzeitig der gesamten Schöpfung (horizontaler Balken) sowie mit der Symbolik fernöstlicher Religionen.

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