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Zu einer Position wie im vorangegangenen Artikel erahnbar darf natürlich auch eine Gegenposition nicht fehlen:
“Nirgends wird die Katastrophe, die monologische Wissenschaft zu nehmen und zu versuchen, sie zu einem vollständigen “Neuen Paradigma” zu machen, offensichtlicher als bei den Schriftstellern und Theoretikern, die sich mit “Neuer Physik und Mystik” befassen. Es sind ihrer zu viele, um sie hier aufzählen zu können. Wenn Reduktionisten eine spirituelle Erfahrung machen (etwas, was in Physik-Büchern meist nicht vorkommt), wirkt diese gewöhnlich als Ansporn, Philosophie zu verbrechen, und das Ergebnis ist nichts für Leute mit schwachen Nerven.
Ganz gleich, wie löblich die Absichten auch sein mögen, die meisten dieser Theorien – die das Thema ausspinnen, die “Neue Physik” (Quanten- und Relativitäts-) unterstütze/suggeriere/beweise eine mystisch-einheitliche Weltsicht – sind verunstaltet durch den Versuch, einfach das monologische Flachland-Paradigma in dialogische und translogische Bereiche auszuweiten (eine Ausdehnung des Flachland-Ansatzes nach dem Motto “Das Essen bleibt schlecht, nur die Portionen werden größer”).
Meist nehmen sie bestimmte mathematische Formalismen (…) und interpretieren sie sehr großzügig (…), und dann verheiraten sie diese sehr ungenaue und großzügige Interpretation mit ihrer oft ebenso freien Interpretation der mystischen Spiritualität. Dabei kommt dann etwas heraus wie: Die neue Physik unterstützt oder beweist sogar eine mystische Weltsicht. (Physik und Mystik werden zu Geschwisterkindern erklärt, obwohl wir alle wissen, was geschieht, wenn Cousin und Cousine heiraten).
(…)
Formalismen, die die niedrigsten, seichtesten, unbewußtesten, am wenigsten in die Tiefe gehenden Holons beschreiben, die es nur gibt, “auszuweiten zu einem Paradigma”, das dialogischen, intersubjekitven, kulturellen Austausch umfassen soll, der auf gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Erkenntnis beruht: das ist mehr als ein Quantensprung, es ist ein Glaubenssprung, der ins Guinnes Buch der Rekorde gehört.
Quanten-Formalismen können nicht einmal die Grundlagen der Biologie und der Autopoiese erklären und schon gar nicht Ökonomie, Psychologie, Literatur, Poesie, Moral und Ethik, um nur einige wesentliche Bereiche zu nennen. Aber Physiker sind so daran gewöhnt, zu denken, daß “das Grundlegendste” gleichzeitig “das Bedeutendste” bedeutet, daß sie glauben, alle höheren Ebenen von Wissen seien in den oberflächlichsten Holons begründet. Sonst halten sie sie für gar nicht begründet. Daher die fortwährende Neigung, die Physik (wie phantasievoll interpretiert auch immer) auf alle beliebigen Bereiche direkt “auszuweiten”.
(…)
Diese Ausweitung der Hegemonie des Monologischen und des aggressiven, sogar gewalttätigen Reduktionismus leidet an beiden Enden der Reduktion (und überall dazwischen). Nicht nur wird automatisch angenommen, daß die Realität in ihren wesentlichsten Aspekten um jene Holons kreist, die in Wirklichkeit am wenigsten bedeutend sind. Auch die Mystik selbst – es gibt mindestens vier äußerst verschiedene Arten von Mystik (…) – wird homogenisiert zu einer Art Einheitsbrei oder dynamischen Geflecht oder Quanten-Vakuum (…), und die beiden homogenisierten Konglomerate (“Quanten” und Pseudo-”Mystik”) werden zusammengemanscht und als etwas präsentiert, was alle möglichen Aspekte abdeckt.
Abgesehen davon, daß dabei beide Enden des Spektrums der Existenz (Physis und Theos) verzerrt werden, wird alles dazwischen ausgeweidet.
(…)
(…) Je weiter man sich bei der Suche nach Bedeutsamkeit ins Seichte begibt, desto egozentrischer wird das korrespondierende Wertesystem , denn Egozentrik ist immer der jeweils seichteste Punkt im menschlichen Holon. Da jede Tiefe/Höhe fehlt, findet man nur das eigene Innere, das die ganze Realität überblickt, und plötzlich beginnt alles sich direkt auf dich zu beziehen, und die verbale Magie der egozentrischen Assoziation beginnt einem richtig tiefgründig zu erscheinen und im tiefsten erstrebenswert.
(…)
(…) Ohne ein Paradigma der gegenseitigen dialogischen Anerkennung und Fürsorge gibt es keinen Weg, irgend jemanden aus dem göttlichen Egoismus zu lösen und in weltzentrisches Mitgefühl zu ziehen und von dort in die Über-Seele, das heißt die Welt-Seele, auf den Weg zum Mysterium der Tiefe überhaupt. So beobachten wir statt dessen ein Leben, dessen Skripte von göttlichen Egos für göttliche Egos über göttliche Egos geschrieben wird, und das soll dann die Basis eines glorreichen Neuen Paradigmas sein.”
Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos, Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 779-782
“Es ist paradox, wenn ich mich der Quantenphysik in der Umgangssprache nähere. Wenn Ihnen das schwammig vorkommt, haben Sie völlig recht. Die Wirklichkeit erscheint uns schwammig, weil ihre Ausssagen unendlich vieldeutig sind. In der Physik sagen wir: Die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Unter Realität verstehen wir eine Welt der Dinge, der Objekte und deren Anordnung. Also jene Welt, die die alte Physik mit ihrem mechanistischen Weltbild beschreibt. Die alte Naturwissenschaft ist dabei nicht falsch. Sie gilt jedoch nur in einem vergröberten Sinn. Was für unseren Alltag total ausreicht. Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art materiell-energetisch zu verkörpern. Deshalb möchte ich die Begriffe Teilchen oder Atom nicht mehr benutzen und sage stattdessen Wirks oder Passierchen. Ein Passierchen ist ein winzig kleiner Prozess. (…) Die Felder in der Quantenphysik sind nicht nur immateriell, sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein, die nichts mit unserem vertrauten dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld – wie eine Art Quantencode. Es hat nichts zu tun mit Masse und Energie. Dieses Informationsfeld ist nicht nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das gesamte Universum. Der Kosmos ist ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das Eine.”
Der Physiker Hans-Peter Dürr in einem Interview mit dem P.M. Magazin
Gottes großes Hobby: Modellbau
Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die “Modellhaftigkeit” unserer Kognition bis hin zu Metzingers “Ego-Tunnel”: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch “objektive Wirklichkeit” nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein “korrigiertes” Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser “Ich”, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….
Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen “wir wissen”, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein “echtes” Wissen über die “objektive Wirklichkeit” außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.
Was damit anfangen?
Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntniss muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche “Wahrheitssuche” damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?
Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?
Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.
Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches (“Objektives”) über eine “objektive Wirklichkeit” aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?
Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.
Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.
Was kann Gott dann noch sein?
Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die “objektive Wirklichkeit”, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, “Objektives”) sagen, weil wir über die “objektive Wirklichkeit” nichts Letztliches (“Objektives”) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.
Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.
Die Qualia-Rede von Gott
An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort “Gott” benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort “Rot” benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von “Rot” als etwas “objektiv Objektivem” reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas “objektiv Objektivem” sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der “Offenbarungen”, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.
Sinn und Wahrheit
Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder “nur” Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.
Ein Beispiel:
Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das “biologische Sehen”, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein “optisches” (beschränktes) Modell von “Wirklichkeit”. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.
(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine “Umwandlung” von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)
Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder “nur” Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).
Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff “Rot” verzichtbar wäre, oder man “rot” künftig auch “blau” nennen könnte. Die “Qualia Gott” ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).
Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine “Qualia Gottes” kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer (erdachten) “objektiven Wirklichkeit Gott” außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese “objektive Wirklichkeit”. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‘zwei Gott’ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott kann ich eigentlich von “Wahrheiten” sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.
So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.
Anmerkungen:
1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.
2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.
3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)
4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.
5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)
6. Das Reich Gottes ist in euch.
7. siehe 6.
“Niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, das Gott nur „so“ ist und nicht anders. Er ist formlos und andererseits hat er Formen. Für den Bhakta nimmt er Formen an — für den Jnani ist er ohne Form.
Brahman, absolutes Sein-Bewusstsein-Seligkeit, ist wie ein uferloser Ozean. Im Ozean entstehen bei starker Kälte hier und da Eisschollen. Ähnlich nimmt das Unendliche endliche Formen an, sozusagen unter dem kühlenden Einfuss der Hingabe des Gottesverehrers, und erscheint vor ihm als Göttliche Person. Doch wie beim Aufgehen der Sonne die Eisschollen im Ozean schmilzen, so geht mit dem Erwachen von Jnana die verkörperte Gottesform in das unendliche und formlose Brahman auf. Dann hat der Verehrer nicht mehr das Gefühl dass Gott eine Person ist, noch hat er dann Visionen von Gottes Formen.
Doch vergiss nicht: Form und Formlosigkeit gehören ein und derselben Wirklichkeit an.”
Ramakrishna Paramahamsa (1836-1886, hinduistischer Mystiker)
Manchmal musst du in deinem Leben an einen bestimmten Punkt deiner Geschichte zurückkehren, um weiterzukommen. Wenn alles einigermaßen gut läuft, wandert so das Lesezeichen in dem Buch deines Lebens immer weiter nach hinten.
Doch das gelingt nicht jedem und nicht immer. Für manche Menschen verbleibt das Lesezeichen immer an der selben Stelle. Ihr Lebensbuch wird älter und älter, doch die Geschichte darin stockt jedesmal an diesem einen Punkt. Es geht nicht weiter, und es beginnen keine neuen Geschichten. Nicht selten bleibt das Buch irgendwann ganz geschlossen und wartet nur noch auf den endgültigen Verfall.
Haben diese Menschen ihr Leben vertan? Haben sie ihre Chancen verspielt? Haben sie versagt und sind gescheitert?
Es entspricht unserem Zeitgeist, das zu bejahen. Man ist heute leistungsstark, erfolgsorientiert und selbstverständlich stets seines eigenen Glückes Schmied. Doch meist werden hier nur Menschen mit leichtfertigen Ratschlägen und manchmal Vorwürfen laut, die zwar auch ihre Krisen kennen, jedoch nie wirklich am Boden gekrochen sind. Menschen, die nie völlig zerbrochen wurden.
Ich glaube, dass niemand ein Recht hat, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
Manche Menschen haben das Glück, dass in einem solchen Fall ihr Buch gleichzeitig ein spirituelles Buch ist. Die Stelle, an der das Lesezeichen in ihrem Buch des Lebens steckt und an der sie nicht weiterkommen, kann dann eine ganz andere Bedeutung für sie bekommen. Und selbst wenn das nicht so ist, so ist doch möglicherweise etwas ganz anders. Vielleicht markiert ihr Lesezeichen ja sogar jene Stelle, an der Alpha und Omega auf einer einzigen Seite, in einem Satz, in nur einem Wort zusammenfallen.
Wenn es dir so geht, dann wirst du zwar vielleicht nie erfahren, wie die Geschichte im Buch deines Lebens hätte weitergehen können, jedoch brauchst du dann nur kurz die Augen zu schließen; ein einziger Atemzug, und die Rückkoppelung ist da. Du hast deine Religio gefunden.
Lasse davon nicht ab. Höre nicht auf jene, die dir sagen, du sollst das Lesezeichen herausnehmen und an anderer Stelle lesen. Höre erst recht nicht auf jene, die unruhig hin und her blättern und dir dabei verkaufen wollen, so sei das nun mal, die Suche würde nie enden.
Wenn für dich dein Atem zum Lesezeichen wird, wenn ein kurzes Schließen der Augen genügt, um genau jene Seite deines spirituellen Lebensbuches aufzuschlagen, an der dein Seelengrund das Absolute berührt, dann lege das Buch zur Seite. Du brauchst es nicht mehr. Denn was darin steht, ist nun in dir. In der Unruhe deiner Zerbrochenheit schenkt dir in jedem dieser Atemzüge Gott seinen Frieden.
Auch mit dem Buch deines Lebens könntest du das versuchen. Du könntest es zur Seite legen. Denn die Stelle, die dein Lesezeichen unverrückbar markiert, kennst du ohnehin bereits in- und auswendig. Überlasse es dem Wind, eine andere Seite aufzuschlagen, und wenn er mag, sogar das Lesezeichen hinfort zu wehen.
Und sollte es nicht so kommen, dann atme. Atme einfach.
Gott schläft im Stein,
träumt in der Pflanze,
rührt sich im Tier
und erwacht im Menschen.
Ali Ibn al-Arabi
Wenn wir über eine Amöbe staunen, welches Wunder der Schöpfung sie doch ist, dann liegt das Staunen nur in uns selbst. Es ist unser Geist, der ihr Dasein zu einem Wunder macht. Wenn wir den göttlichen Funken in einem Menschen durch dessen Liebe oder Gutsein erkennen, oder wenn wir den göttlichen Funken in der Natur durch ihre Ästhetik erkennen, dann spiegeln wir letztlich nur den göttlichen Funken in uns selbst.
Nirgends anders als in uns selbst können wir den göttlichen Funken finden.
Haben wir den göttlichen Funken in uns gefunden und genutzt zur Erhellung der Seele, dass sie so hell wird wie ein brennender Dornbusch in der Wüste,
dann schaut Gott durch unsere Augen auf sich selbst.
Er sieht sich im Stein schlafen, er sieht sich in der Pflanze träumen, er sieht sich im Tier rühren, und er sieht sich als im Menschen erwacht.
“Ich bin” nennen manche Mystiker das.
Ich bin der Stein, ich bin die Pflanze, ich bin das Tier, ich bin das All, ich bin. Ich erkenne die Schöpfung im Einen, den Stein, die Pflanze, das Tier und mich. Ich erkenne mein Ich, das nicht ist, das Ich bin ist.
Manchmal sage ich, dass ich Gott nicht glaube, und Gott nicht weiß.
Die religiöse Spaltung des Kósmos in eine diesseitige und eine jenseitige Welt scheint der mystischen Erfahrung des EINEN zu widersprechen. Widersprechen aber kann der das EINE Erfahrende nur, wenn er die Erfahrung des EINEN verlässt. Das ist logisch, und daher nur relativ wahr.
Die Frage, ob Gott existiere, ist mir manchmal irgendwie unsinnig.
Was ich über den Seelengrund aussage, ist einerseits eine Empirie der Mystik, doch andererseits und gleichzeitig ein Glaube.
“In einer Kathedrale sind die Fenster in unterschiedlichster Art gestaltet. In Blei gefasstes Buntglas, verschiedene Bilder, Motive und Geschichten, manche stellen nur Ornamentik dar, jüngere Fenster ersetzen kaputte ältere, nun in schlichtem klarem Glas, …. Aber durch alle scheint das gleiche helle Licht der Sonne.”
Die mystischen Erfahrungen werden gemacht und sind eingebettet in der Prägung des kulturellen Umfeldes und der individuellen Geschichte des Erlebenden. Das bedeutet nun nicht, dass die Erfahrungen an sich unterschiedlich sind, sondern lediglich, dass sie unterschiedlich aufscheinen – so wie das Licht, das wir erst im Bild wahrnehmen; wie das eine Licht, das durch die unterschiedlichen Fenster der Kathedrale scheint.
Jede wirklich gründliche Philosophie, insbesondere vor dem Hintergrund des aktuellen Standes der Naturwissenschaften wie Gehirnforschung und Quantenphysik -, zeigt eines ganz überdeutlich: Was wir als „Wirklichkeit“ erleben, ist nichts als ein „Modell“ in unserem Gehirn. Es ist anzunehmen, dass dieses „Modell“ mit einem Ausschnitt von Wirklichkeit korreliert (und in seiner evolutiven Entwicklung längst nicht am Ende sein wird). Aber: Wie und inwieweit es mit der „wirklichen Wirklichkeit“ übereinstimmt oder diese gar ist, lässt sich aus grundsätzlichen Erwägungen nicht festlegen.
Der Seelengrund ist sowohl Grund etwa im Sinne von “Ursache” der Seele, als auch der Grund im Sinne eines “Fundamentes”. Er ist also der Grund, die Gründung und am Grunde der Seele. Damit ist der Seelengrund gleichzeitig auch das, was in der Seele über die Seele hinausweist.
Der Seelengrund als das Absolute kennt keinen Gott, und ist nur auf sich selbst bezogen, bzw. auf nichts bezogen. Gleichzeitig aber bildet er das Fundament, das Gott “verursacht” - den auf die Schöpfung bezogenen Gott. So ist Gott das Absolute, Nirvana, Leerheit, Soheit, Brahman; und im (wie durch) den Menschen der auf die Schöpfung bezogene Gott, Samsara, Dharma, JHWH (…). Es sind nicht zwei Götter, auch nicht zwei Seiten des Einen, sondern beides ist Eins.
Im Seelengrund kann der Mensch (im Rahmen seiner Begrenztheit) das Absolute gewahr werden, wenn er still wird, sich leert, sich auch von Gott löst, und so hinter die Schöpfung zurücktritt. Das Unwandelbare, das nicht durch die stets in Wandlung begriffene Schöpfung “getrübte”, beginnt aufzuscheinen. Das “schauende Selbst” wird Ursache seiner selbst, eins mit dem Absoluten: Die Gottesgeburt im Seelengrund, die unio mystica, aus der auch der Gott, der in Bezug auf die Schöpfung Gott ist, hervorgeht. Denn das Absolute, der auf die Schöpfung bezogene Gott und die Schöpfung sind Eins.
Die mystische Einheitserfahrung soll weder als Einzelerlebnis auftreten, noch soll sie den Menschen unverändert lassen. Der Seelengrund erhebt sich in der Zeit über die Zeit, zu Gott als das Absolute und den Schöpfer, als “Verortung” der Seinsgegenwart Gottes über die Bewusstseinsenge menschlicher Existenz. Der Seelengrund ist Gott (oder das Göttliche) und Ursache Gottes zugleich. Ihn in seiner Gänze und menschenmöglichen Klarheit nicht nur zu erkennen, sondern im Leben zu verwirklichen, ist das Ziel des spirituellen Weges.


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