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Gott schläft im Stein,
träumt in der Pflanze,
rührt sich im Tier
und erwacht im Menschen.
Ali Ibn al-Arabi
Wenn wir über eine Amöbe staunen, welches Wunder der Schöpfung sie doch ist, dann liegt das Staunen nur in uns selbst. Es ist unser Geist, der ihr Dasein zu einem Wunder macht. Wenn wir den göttlichen Funken in einem Menschen durch dessen Liebe oder Gutsein erkennen, oder wenn wir den göttlichen Funken in der Natur durch ihre Ästhetik erkennen, dann spiegeln wir letztlich nur den göttlichen Funken in uns selbst.
Nirgends anders als in uns selbst können wir den göttlichen Funken finden.
Haben wir den göttlichen Funken in uns gefunden und genutzt zur Erhellung der Seele, dass sie so hell wird wie ein brennender Dornbusch in der Wüste,
dann schaut Gott durch unsere Augen auf sich selbst.
Er sieht sich im Stein schlafen, er sieht sich in der Pflanze träumen, er sieht sich im Tier rühren, und er sieht sich als im Menschen erwacht.
“Ich bin” nennen manche Mystiker das.
Ich bin der Stein, ich bin die Pflanze, ich bin das Tier, ich bin das All, ich bin. Ich erkenne die Schöpfung im Einen, den Stein, die Pflanze, das Tier und mich. Ich erkenne mein Ich, das nicht ist, das Ich bin ist.
Manchmal sage ich, dass ich Gott nicht glaube, und Gott nicht weiß.
Die religiöse Spaltung des Kósmos in eine diesseitige und eine jenseitige Welt scheint der mystischen Erfahrung des EINEN zu widersprechen. Widersprechen aber kann der das EINE Erfahrende nur, wenn er die Erfahrung des EINEN verlässt. Das ist logisch, und daher nur relativ wahr.
Die Frage, ob Gott existiere, ist mir manchmal irgendwie unsinnig.
Sprechen über Mystik (2) – Eine Momentaufnahme
Für manchen mag die mystische Erfahrung das hohe Ziel eines religiösen oder spirituellen Weges sein – endlich die visio dei, endlich die unio mystica, endlich bodhi, das Erwachen, die Erleuchtung.
Es hat lange gedauert, dies zu erkennen: Für mich ist sie erst ein Anfang, der Impuls einer Evolution des Geistes, einer spirituellen Evolution, in der nicht ich der Lenkende bin, nicht sein kann, sondern der Geschehenlassende. Die mystische Erfahrung ist nicht der Endknall zur Vervollkommnung eines durch spirituelle Übung errichteten oder erschlossenen inneren Kosmos, sondern wie ein Urknall, der Raum, Zeit und Inhalte eines neuen inneren Kosmos erst zu evolvieren beginnt, zu einer stets vorhandenen “Hintergrundstrahlung” dieses Urknalls führt und schließlich auch in veränderter Wiederkehr zu einer stetig vorantreibenden Kraft des Wandels in diesem sich ausdehnenden Kosmos wird.
In dieser Evolution begann sich die Mystik aus dem in den “Alltag” nachwirkenden Status momentanen oder zeitweiligen Erlebens zu transformieren in einen alles durchdringenden Erfahrungsraum. Das meint nun gerade kein abgehobenes ständiges Schweben in einem “High-Level-Consciousness”, sondern eine veränderte, neue, subtile Wahrnehmung von Allem, was einem begegnet.
Mystik hört in diesem Prozess allmählich auf, sich in das alltägliche Leben tragen zu lassen. Vielmehr wird das gesamte Leben zur Mystik – auch das, was unvollkommen, fragmentarisch und mit Fehlern behaftet ist oder scheint. Diese Mystik, diese Wahrnehmung der Mystik, wird einerseits immer umgreifender, und andererseits immer geheimnissvoller. Auch wenn die eigene Ratio versucht zu folgen und “Übersetzungen” des Transrationalen in das Rationale zu finden, so gelingt es längst nicht mehr. Was sich einstmals für einen selbst noch einigermaßen sagen ließ und nur für manch andere un- oder missverständlich blieb, endet nun in einem Schweigen vor sich selbst.
Es bleibt bei einem Sprechen, einem Sprechen in Bildern, Gedichten, in Diskussionen oder im Schwärmen von Gott. Doch selbst wenn es das gleiche Sprechen ist wie zuvor, so ist das, was es sagen will, so unsagbar wie nie zuvor.
Längst schon kann ich nicht mehr sagen, Mystik sei ein Weg. Längst schon kann ich nicht mehr sagen, es ginge um meine Seele, um mein Heil, um Erleuchtung, Erlösung, Errettung – so wie es der Christ sagt, der Muslim, der Buddhist, der Hindu oder Jain. Ich glaube, bei dem, was da in mir geschieht, geht es gar nicht um mich. Und nun kann ich nicht einmal mehr sagen, um was es überhaupt geht, ob diese Evolution des Geistes ein Ziel, eine Richtung, einen Endpunkt hat. Doch das ist ein anderes Thema…
Ich bin das Schweigen, das unerreichbar ist,
und der Gedanke, dessen Erinnern zahlreich ist.
Ich bin die Stimme, deren Klang zahlreich ist,
und das Wort, dessen Erscheinung zahlreich ist.
Ich bin das Aussprechen meines Namens.
Warum liebt ihr mich, die ihr mich hasst,
und hasst die, die mich lieben?
Ihr, die ihr mich verleugnet, bekennt mich,
und ihr, die ihr mich bekennt, verleugnet mich.
Ihr, die ihr die Wahrheit über mich sagt,
verbreitet Lügen über mich,
und ihr, die ihr über mich Lügen verbreitet habt,
sagt die Wahrheit über mich.
Ihr, die ihr mich kennt, seid unwissend über mich,
und die, die mich nicht gekannt haben,
sollen mich erkennen.
Aus: Ich-bin-Rede, Bronte – Vollkommener Verstand, Nag Hammadi Codex
Ich bin eine Stimme die leise ruft,
von Uranfang bin ich im Schweigen,
das alle umfängt.
Es ist die verborgene Stimme, die in mir ist,
sie ist im unerreichbaren unmessbaren Denken,
im unermesslichen Schweigen.
Aus: Die Dreigestaltige Protennoia, Nag Hammadi Codex


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